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Interprofessioneller Qualitätszirkel: Frühe Hilfen in Köln

09.05.2018 KVNO aktuell

In Köln gibt es seit Juni 2016 einen „Interprofessionellen Qualitätszirkel – Frühe Hilfen“. Es ist der erste in Nordrhein. Die Moderatoren des Zirkels, Dr. med. Hans-Helmut Brill und Diplom-Sozialpädagogin Kerstin Wasser, berichten.

Gravierende Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, eine Zunahme psychischer Erkrankungen bei Kindern sowie immer mehr Arbeit für die Kinder- und Jugendhilfe – wegen dieser Entwicklungen wurde vor zehn Jahren der Kinderschutz in Deutschland überdacht: weg von der Reaktion hin zur Prävention.

Familiäre Belastungen sollen frühzeitig erkannt, passgenaue Unterstützungsangebote bereitgestellt und die Zusammenarbeit der Kinder- und Jugendhilfe mit dem Gesundheitswesen verbessert werden. Ein wichtiger Baustein dabei sind die „Interprofessionellen Qualitätszirkel – Frühe Hilfen“ (IQZ).

Freitagnachmittag, noch schnell mit dem Jugendamt eine familienunterstützende Maßnahme für einen „kleinen Patienten“ besprechen. Niemand ist dort erreichbar – und wenn doch, dann kennt er die betroffene Familie nicht. Die fehlende Vernetzung niedergelassener Ärzte mit den Hilfeanbietern auf der Kinder- und Jugendhilfeseite stellt ein gravierendes Hindernis bei der Umsetzung der Frühen Hilfen dar. Und sie ist eine zusätzliche Belastung im Alltag eines Kinder- und Jugendarztes. Dafür gibt es vor allem drei Ursachen:

  • fehlendes Wissen über die jeweils andere Berufsgruppe
  • unterschiedliche Arbeitsweisen und Vorurteile
  • unterschiedliche rechtliche Grundlagen und Regelungen

Erfolgreicher Pilot

Um die Zusammenarbeit zu unterstützen, hat das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) gemeinsam mit der KV Baden-Württemberg vor zehn Jahren das Projekt „Frühe Hilfen – Vernetzung lokaler Angebote der Jugendhilfe mit vertragsärztlichen Qualitätszirkeln“ entwickelt – mit großem Erfolg: NZFH, Landeskoordinierungen und Kassenärztliche Bundesvereinigung unterstützten eine bundesweite Verbreitung des Projekts. Im Juni 2016 wurde der erste IQZ Nordrheins in Köln mit sechs Mitarbeitern des Jugendamtes und sechs Pädiatern gegründet.

Im ersten Treffen unseres Zirkels „Hilfen“ haben wir das Projekt vorgestellt, gemeinsam Settingregeln erarbeitet, uns mithilfe der Soziometrie kennengelernt und mit der Dramaturgie „das fröhliche Vorurteil“ einen Eindruck der jeweils anderen Berufsgruppe und ihres Arbeitsalltags erhalten. Aufschlussreich waren die Wissenslücken über das jeweilige andere System und die Vorstellungen, die sich offenbarten.

Fallkonferenzen im Fokus

In den nächsten beiden Sitzungen hat der IQZ eine „Familienfallkonferenz“ durchgeführt, also eine konkrete (anonymisierte) Fallgeschichte bearbeitet. Dabei wurden die unterschiedliche Herangehensweise, Bearbeitung und Einschätzung der beiden Berufsgruppen deutlich, besonders in Bezug auf eine Kindeswohlgefährdung.

Die bildliche Darstellung eines Konfliktthemas („Skulpturenarbeit“) veranschaulichte danach den emotionalen Aspekt einer Patientenfallgeschichte. Die Präsentation des sozialen Netzwerkes einer Person zielte vor allem darauf ab, Nähe und Distanz, wechselseitige Erwartungen, Passivität und Aktivität sowie Zu- und Abwendung zu verdeutlichen.

Ein weiteres IQZ-Thema ist „Family Empowerment“. Die Stärkung der Erziehungsberechtigten motiviert diese, elterliche Aufgaben zu übernehmen und als sinnvoll zu erachten. Für Ärzte bedeutet dies auch, zu akzeptieren, dass die Eltern das Maß der Veränderung bestimmen. Grundlage der Entscheidung ist die ergebnisoffene Information über Angebote der Frühen Hilfen und deren denkbare Bedeutung für die Entwicklung der Familie.

Gute Ergebnisse

Die Grafik zeigt das Logo des "Netzwerk Frühe Hilfe"

Nach zunächst zurückhaltendem Umgang miteinander stellte sich rasch eine vertrauensvolle Atmosphäre ein, die ein sehr konstruktives Arbeiten ermöglichte. Die nach sechs Sitzungen im Januar 2018 durchgeführte Evalution zeigte unter anderem, dass

  • sich die Zusammenarbeit in der Prävention verbessert,
  • belastete Familien schneller identifiziert werden können und
  • der Zugang zu den Familien einfacher wird.

Beeindruckend für uns Moderatoren war, wie kompetent und strukturiert die Teilnehmer sich den Themen gewidmet haben. Es war bereichernd, die unterschiedlichen Blickweisen und Vorgehen wahrzunehmen – und wie sich daraus ein Verständnis füreinander entwickelt hat. Dadurch wurde der Aufbau tragfähiger emotionaler Beziehungen ermöglicht, die nicht nur den fachlichen Austausch, sondern die alltägliche Arbeit in der Praxis erleichtern. Heute kennen wir die Ansprechpartner im Jugendamt persönlich und wissen, dass sie vielleicht nicht die Maßnahmen ergreifen, die wir uns vorstellen, aber sich mindestens genauso engagiert und kompetent für das Kindeswohl einsetzen wie wir Ärzte.

  • Dr. Hans-Helmut Brill, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendpsychotherapeut
  • Kerstin Wasser, Diplom-Sozialpädagogin, Jugendamt Köln
Das Bild zeigt Kerstin Wasser, Diplom-Sozialpädagogin, Jugendamt Köln Das Foto zeigt Dr. Hans-Helmut Brill, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendpsychotherapeut

Kerstin Wasser

Dr. Hans-Helmut Brill

Um die Gründung von IQZ –Frühe Hilfen in ganz Nordrhein-Westfalen zu ermöglichen, ist für Herbst 2018 die Ausbildung neuer Tandemmoderatoren geplant. Die Fortbildung findet an den beiden Wochenenden 14./15. September und 14./15. Dezember (jeweils freitagnachmittags und samstags) statt.

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