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STANDPUNKT: Die Wahrheit über „falsch ausgefüllte Rezepte“

14.03.2018 KVNO aktuell, Verordnungsinfos

Der Alltag eines niedergelassenen Arztes steckt voller Konflikte, viele hängen mit vermeintlich falsch ausgefüllten Rezepten zusammen. Der Kölner Hausarzt Dr. med. Stefan Streit kann ein Lied davon singen.

„Der Arzt hat das falsch ausgefüllt!“ Laut und im Brustton der Überzeugung, so höre ich diesen Satz immer wieder, aus dem Mund von Patienten, von Apothekenangestellten, von Physiotherapeuten und KTW-Besatzungen. Wir ändern Rezepte, weil Medikamente nicht lieferbar waren, Krankengymnastikverordnungen, weil Termine nicht eingehalten werden konnten, und diskutieren mit KTW-Besatzungen, die trotz der Verordnung eines Behindertentransportes Patienten mit einem Krankenwagen transportierten.

Lange nahm ich an, hier handele es sich um verunglückte Kommunikation. Irgendwann fiel mir auf, dass sogar meine Angestellten die „falsch ausgefüllt“-Sprachregelung übernahmen. Dann kam der Tag, an dem mir – obwohl wir die Problematik dieser Formulierung in einer Teamsitzung besprochen hatten – mit einem „Das ist falsch ausgefüllt“ wieder ein Rezept in die Hand gedrückt wurde.

Das Foto zeigt Dr. med. Stefan Streit.

Zur Person: Dr. med. Stefan Streit arbeitet als Hausarzt in einer Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau. In seinem Buch „Prinzipien der Heilkunst“ hat er die Rahmenbedingungen als niedergelassener Arzt in der kassenärztlichen Versorgung kritisch beleuchtet.

Die Apothekerin erklärte, Hepatitis-A-Impfstoff sei nicht lieferbar, aber ich könne doch einfach zwei oder drei Hepatitis-A-B-Kombi-Impfstoffe verordnen. Zuerst nur erstaunt, drängten sich bisher fragmentierte Gedanken zu einem unabweisbaren Bild zusammen: „Falsch ausgefüllte Rezepte“ von Testosteron-Gel und Pankreas­enzym erinnerte ich. Auch da waren die üblichen Dosierungen nicht lieferbar. Zwei Packungen mit halber Dosis sollten es richten. Bei gleichem Preis verdoppelt sich so der Umsatz.

Auch das Verschwinden der durch das Disease-Management-Programm geadelten Diabur 5000 Urinzuckermessstreifen erklärte sich so. Der Ersatz, mit drei Messfeldern, war nicht nur 60 Prozent teurer, sondern bot auch vielfältige Möglichkeiten der Fehlablesung. Sogar den vorübergehenden Ausfall der L-Thyroxin-Generika verstand ich plötzlich. Zwei Euro mehr zahlt die Kasse, plus 50 Cent Zuzahlung vom Patienten - ohne jeden Aufwand, in einem gesättigten Markt: Das nenne ich erfolgreiche Preispolitik.

Dem Impfstoffmangel verlieh das Robert Koch-Institut durch seine Ausweichempfehlungen eine unabweisbare Schicksalhaftigkeit. Mit Lieferausfalllisten gut verwaltet, erreichte die Knappheit nie ganz die Schwelle, ab der sich Empörung über fehlenden Impfstoff entladen hätte. Ganz im Gegenteil, ich freute mich jedes Mal, wenn die Apotheke einen Impfstoff liefern konnte.

Meine Kinder erkannten diese Vermarktungsstrategie sofort wieder. Fragen Sie beim Abendessen mal nach! Nach einer Nacht in Wind und Wetter vor der Tür eines Flagship­stores erhalten nur die Vordersten in der Schlage eine Zuteilung. Dieser Einsatz lässt die Bedeutung der unglaublichen 800 Euro, die die begehrten Sportschuhe einer solchen „limitierten Edition“ kosten, zurücktreten. Zudem verkaufen viele der Glücklichen die Schuhe sofort zum doppelten Preis an modebewusste, aber nicht ganz so wetterfeste Turnschuhträger. Der Mangel verlieh langweiligem Polio-Impfstoff in gleicher Weise Sexappeal.

Die ärztliche Verordnung ist unbemerkt zu einem Bestellzettel mutiert, den man nach Belieben ändern lassen kann. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich fühle mich ungeschützt und alleingelassen.