Logo der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein

Navigation

Adipositas bekämpfen: Erfolgreich Abnehmen braucht Konzepte

14.03.2018 Gesundheitstipps, KVNO aktuell

Fettleibigkeit zählt mittlerweile zu den Volkskrankheiten. Studien zeigen, dass Adipositas und Übergewicht außerdem zu den bedeutendsten Risikofaktoren für die Entstehung zahlreicher Folgeerkrankungen gelten. Spezielle therapeutische Ansätze helfen den Betroffenen.

Rund zwei Drittel der Männer und mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland sind laut Robert Koch-Institut übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen ist stark übergewichtig und gilt somit als adipös. Der Body-Mass-Index (BMI) und das Fettverteilungsmuster einer Person klassifizieren diese als adipös (BMI ≥ 30 kg/m²) oder übergewichtig (BMI ≥ 25 kg/m²). Adipositas gilt als eine Erkrankung mit signifikanten medizinischen, psychischen, sozialen und ökonomischen Begleiterscheinungen. Insbesondere das metabolische und kardiovaskuläre Gesundheitsrisiko ist hoch. Je nach Gewichtslast zur Körpergröße unterscheidet man mehrere Schweregrade. Die auftretenden Begleit- und Folgeerkrankungen verschiedener Organsysteme sind zwingend behandlungsbedürftig.

Das Foto zeigt eine Frau, die etwas präsentiert.

„AdiPosiFit“ ist eine multiprofessionelle Patientenschulung und behandelt verschiedene Bereiche, etwa Ernährung und Medizin.

Gemäß der aktuellen S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie von Adipositas gilt bei Erwachsenen die multimodale Therapie als Basistherapie. Sie besteht aus einer Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie soweit individuell möglich und erforderlich. So kann zum Beispiel die Bewegungstherapie durch Komorbiditäten eingeschränkt oder eine Verhaltenstherapie nicht immer indiziert sein. Letzteres muss durch ein psychologisches Gutachten bestätigt werden.

Greifen diese konservativen Therapien in einem fixen Zeitrahmen mit einem festgelegten Ziel (Prozentsatz an Gewichtsverlust) nicht, oder sind diese aus genannten Gründen nicht entsprechend anwendbar, kann gemäß Leitlinie eine adipositaschirurgische Behandlung zulasten der Krankenkassen erfolgen. Ziele eines chirurgischen Eingriffs sind die Verbesserung von Begleiterkrankungen und die Steigerung der Lebensqualität.

Patientenzentrierte individuelle Therapie

Im Rahmen der konventionellen Basistherapie gibt es unterschiedliche Ansätze und deren Umsetzung. Einige Programme werden zu einem hohen Prozentsatz von den Krankenkassen getragen. Neben Gruppenangeboten existieren auch individuelle Einzeltherapien für durch Beruf und Familie zeitlich eingeschränkte Betroffene.

„Ich sehe die individuelle Ernährungstherapie als Basistherapie bei Adipositas, verbunden mit der optimalen Lebensmittelauswahl, abgestimmt auf Stoffwechsel, Bedürfnisse und Alltag des einzelnen Patienten“, äußert Dr. med. Dipl.-oec. troph. Ursula Kihm, Allgemeinmedizinerin und Ernährungstherapeutin aus Düsseldorf. Zudem könnten neue medikamentöse Diabetes-Therapien die Gewichtsabnahme unterstützen. „Ich halte in diesem Zusammenhang bei Therapieeinstieg einen Glukosetoleranztest zur Abklärung für sinnvoll. Mit adäquaten Arzneien lässt sich viel Gewicht reduzieren“, so Kihm. Natürlich müssten auch Bewegung eingebaut und der psychotherapeutische Aspekt beachtet werden.

Allerdings sollten die multimodalen Programme weder als Eintrittspforte zur Bewilligung adipositaschirurgischer Maßnahmen noch bei mäßigem Erfolg als Kriterium für die Ablehnung der Operation dienen, argumentiert Kihm.

Patientenschulung „AdiPosiFit“

Ein multimodales Konzept ist „AdiPosiFit“. Diese multiprofessionelle Patientenschulung wendet sich an Menschen mit einem BMI, der größer als 40 ist. Die Bereiche Ernährung, Psychotherapie, Bewegung und Medizin werden gemeinsam angegangen. Das Programm wurde von Dipl.-Psych. Dr. Andreas Šoljan, niedergelassener Psychotherapeut aus Düsseldorf, in Kooperation mit Spezialisten vor rund acht Jahren gestartet. Im Vordergrund steht die Motivation, das anvisierte therapeutische Ziel ohne chirurgische Eingriffe erreichen zu können.

Das Foto zeigt eine Gruppe Menschen beim Trommeln.

Um die Ziele adipöser Patienten zu erreichen, steht neben der Ernährungstherapie besonders Bewegung im Fokus.

Mittlerweile hat das Team um Šoljan mehr als 500 adipöse Menschen nachhaltig begleitet. „Unsere Patienten werden in festen Gruppen zu je zwölf Personen in 30 Gruppenterminen betreut. Immer sind mindestens zwei der drei Fachbereiche in den Gruppen anwesend und arbeiten gemeinsam an den Zielen. Hier werden die Teilnehmer durch psychologische Psychotherapeuten geschult und hinsichtlich Bewegung und Ernährung von Fachleuten mit besonderer Kenntnis der Belange Übergewichtiger angeleitet“, erläutert Šoljan. Zusätzlich werden „Ärztetage“ und Vorträge von den Dozenten für Interessierte angeboten, zu denen sich die Patienten anmelden können.

Abnehmen beginnt im Kopf

In 25 Doppelstunden Psychotherapie geht es vor allem um die Reduktion von psychosozialem Stress. Bewegungsdozenten motivieren die Teilnehmer, neue Impulse in den Alltag einzubauen, und bieten viele Möglichkeiten und Formen zum Ausprobieren an. Die Essgewohnheiten sollen bei „AdiPosiFit“ nachdrücklich und langfristig verändert werden. Dazu gibt es allgemeine Ernährungsschulungen mit einer Ökotrophologin sowie zwei Einzelberatungen für jeden Teilnehmer. Diäten werden in der Patientenschulung nicht gelehrt. Das Programm ist von den Medizinischen Diensten der Krankenkassen in Nordrhein und Westfalen-Lippe anerkannt und wird von den meisten Krankenkassen unterstützt.

Sigrid Müller

Drucken