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Extrabudgetäre Vergütung: Versorgungsstärkungsverträge gestartet

31.01.2018 Honorar, KVNO aktuell, Verträge

Versorgungsstärkungs- statt Hausärztestruktur- und Betreuungsstrukturverträge – zum 1. Januar 2018 hat die KV Nordrhein mit der AOK Rheinland/Hamburg, der Kaufmännischen Krankenkasse – KKH, der DAK-Gesundheit und der Techniker Krankenkasse (TK) neue Verträge geschlossen.

Sie stärken die haus- und die fachärztliche Grundversorgung, wobei multimorbide Patienten im Fokus stehen. Extrabudgetär vergütet werden alle Leistungen – vor allem die Zuschläge zu den Besuchen sind lukrativ. Ganz neu ist ein Modul zur Prüfung der Medikation.

Die neuen Versorgungsstärkungsverträge basieren auf Paragraf 140a des Sozialgesetzbuchs V. Sie lösen den Hausärztestrukturvertrag mit der AOK Rheinland/Hamburg sowie den Betreuungsstrukturvertrag mit der KKH zum 1. Januar 2018 ab. „Unser Ziel ist es, mit diesen Verträgen die Grundversorgung zu stärken“, sagt Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein. In der ersten Januarwoche haben bereits gut 1000 Ärzte ihre Teilnahme erklärt.

Fallwert steigt

Neu hinzugekommen ist der Vertrag mit der DAK-Gesundheit, sodass von den Verträgen in Nordrhein noch mehr Patienten als bisher profitieren können. Mit weiteren Krankenkassen laufen derzeit Verhandlungen. „Außerdem wollen wir die gerade gestarteten Verträge nach und nach um weitere Behandlungsmodule ergänzen“, kündigt Dr. med. Carsten König, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, an.

Die Versorgungsstärkungsverträge enthalten Vergütungspauschalen. Diese können teilnehmende Praxen für den zusätzlichen Betreuungsaufwand bei Behandlungen von multimorbiden Patienten beziehungsweise Patienten mit langwierigen Erkrankungen abrechnen. Mehr Aufwand, aber auch deutlich mehr Ertrag: In der Vergangenheit haben Praxen für eingeschriebene Patienten im Schnitt einen gut zehn Euro höheren Fallwert erzielt.

Neuerungen bei AOK, KKH und DAK

Zu den Neuerungen bei den Versorgungsstärkungsverträgen gehören vor allem:

  • ein Teilnahmeverfahren für Ärzte, Psychotherapeuten und Versicherte,
  • eine „Eingangsuntersuchung“ zur Feststellung der besonderen Betreuungsintensität,
  • Vergütung des Aufwands für die Einschreibung eines Versicherten,
  • ein Modul zur Überprüfung der Medikation sowie
  • weitere krankenkassenindividuelle Module zur Stärkung der Grundversorgung in besonderen Bereichen.

Darüber hinaus können nun sowohl Fachärzte als auch Psychotherapeuten am Versorgungsstärkungsvertrag mit der AOK Rheinland/Hamburg teilnehmen. Ebenfalls wird ab 1. Januar 2018 der Mitbesuch eines weiteren Patienten in Form eines Zuschlags auf die Gebührenordnungsposition (GOP) 01413 auch für Versicherte der AOK Rheinland/Hamburg gefördert.

Neuer Vertrag auch mit der TK

Auch mit der Techniker Krankenkasse hat die KV Nordrhein zum 1.  Januar 2018 einen neuen Vertrag vereinbart, der den bisherigen Betreuungsstrukturvertrag ersetzt – und extrabudgetär bezahlt wird. Wichtige Neuerungen beim TK-Vertrag sind:

  • ein Teilnahmeverfahren für Ärzte, Psychotherapeuten und Versicherte,
  • eine Einschreibepauschale für die Prüfung der Teilnahmevoraussetzungen,
  • Unterstützungsangebote zur Arzneimitteltherapie sowie
  • eine „Überweisungssteuerung zur Verbesserung der medizinischen Versorgung“.
Das Foto zeigt einen Patienten mit einer Ärztin bei der Untersuchung

Die Versorgung multimorbider Patienten zu verbessern, ist Ziel der neuen Verträge. Dafür erhalten Praxen zusätzliches Honorar. Aufgrund gesetzlicher Vorgaben ist leider eine Einschreibung nötig. (© fotolia.com | Andrey Popov)

Teilnahme und Patienteninfos

Ärzte, die mitmachen möchten, müssen eine Teilnahmeerklärung (Anlage 2 des jeweiligen Vertrags) ausfüllen. Es ist nur ein Formular erforderlich, um an den drei Versorgungsstärkungsverträgen mit AOK, KKH und DAK teilzunehmen: die gewünschten Krankenkassen einfach ankreuzen. Die Teilnahmeerklärung müssen Praxen an ihre Bezirksstelle senden, die dann eine Abrechnungsgenehmigung erteilt. Eine separate Teilnahmeerklärung ist beim TK-Vertrag nötig.

Leider müssen nun auch Patienten zuerst die Teilnahmeerklärung unterzeichnen. Dies war eine gesetzliche Auflage. Auch diese Erklärung ist an die Bezirksstelle zu senden. Eine Kopie verbleibt in der Praxis und eine Kopie erhält der Versicherte für die Patientenmappe, die Praxen kostenlos von der KV Nordrhein erhalten.

Für die Versorgungsstärkungsverträge gibt es ein Teilnahmeformular für Versicherte, das ausschließlich beim Formularversand über den Bestellschein angefordert werden kann. Patientenmappen können Praxen ebenfalls dort bestellen. Alle übrigen Unterlagen wie die Versicherteninformationen oder Dokumentationen zum Medikationsplan, stehen ausschließlich auf der Homepage zum Herunterladen zur Verfügung.

Das Teilnahmeprozedere ist leider unumgänglich: Aufgrund des Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetzes sowie Forderungen des Bundesversicherungsamts wie auch des Gesundheitsministeriums NRW zu den bisherigen Betreuungsstrukturverträgen war es erforderlich, ein arzt- und patientenbezogenes Teilnahme- und Einschreibeverfahren umzusetzen. Die bisherigen Betreuungsstrukturverträge sowie der Hausärzte-Strukturvertrag mit der AOK enden automatisch zum 31. Dezember 2017. Ab 1. Januar 2018 können keine Leistungen nach den alten Verträgen mehr abgerechnet und vergütet werden.

Abrechnung: So funktioniert sie

Ärzte müssen bei neuen Patienten in der Eingangsuntersuchung prüfen, ob eine besondere Betreuungsintensität vorliegt, sofern diese nicht aus der laufenden Behandlung bekannt ist. Dies ist der Fall, wenn der Arzt einen Patienten mit mindestens einer gesicherten Diagnose aus der umfangreichen „Übersicht besonders betreuungsintensiver Krankheiten“ (Anlage des jeweiligen Vertrags) behandelt und diese dokumentiert hat. Die Pauschale für die Eingangsuntersuchung und die Einschreibung von 5 Euro erhalten Praxen auch ohne ausführliche Eingangsuntersuchung für Patienten, die sie schon länger betreuen und bei denen die besondere Betreuungsintensität bekannt ist. Auch der TK-Vertrag setzt voraus, dass bei den Patienten zunächst die besondere Betreuungsintensität vorliegt. Die Einschreibepauschale von 8 Euro erhalten Praxen, sofern der Patient seine Teilnahme schriftlich erklärt hat.

Indikationsliste auf einen Klick

An den Versorgungsstärkungsverträgen können Patienten teilnehmen, wenn mindestens eine bestimmte gesicherte Diagnose vorliegt. Welche Diagnosen bzw. Indikationen das sind, können Praxen einfach im Internet nachschauen. Unter kvno.de/vertraege können Sie die Liste online abrufen. Sie können auch ganz bequem nach einzelnen Diagnosen suchen.

Wir bereiten derzeit eine kompakte Übersicht mit den wichtigsten Diagnosen je Fachgruppe vor, die wir ebenfalls im Internet anbieten werden. Dort steht natürlich auch die umfangreiche „Übersicht besonders betreuungsintensiver Krankheiten“ als Anlage des jeweiligen Vertrags zur Verfügung.

Über Details zu den neuen Verträgen hat der Vorstand der KV Nordrhein die Praxen Ende Januar in einem Rundschreiben informiert. Dort ist zum Beispiel ausgeführt: „Die mit der Förderung der Haus- und Pflegeheimbesuche verbundene Begleitdokumentation ist nicht für jeden Besuch und jeden Patienten erforderlich, sondern soll den Vertragsärzten ein Hilfsinstrument bei entsprechendem medizinischem Bedarf und erstmaliger Erfassung bieten. Dieses Instrument ist nur aus rein ärztlicher Entscheidung einzusetzen.“

Wenn Arzt und Patient eingeschrieben sind, müssen Praxen die Teilnahme des Patienten quartalsweise abrechnen und dokumentieren. Lebt ein Patient zu Hause, dann dient dazu die Symbolnummer (SNR) 95000 bei Patienten der AOK, KKH und DAK und die SNR 97000 bei Patienten der TK. Leben Patienten im Pflegheim, dann ist die SNR 95001 (AOK, KKH oder DAK) einzutragen beziehungsweise die SNR 97001 (TK). Die folgenden Leistungen müssen Praxen „aktiv abrechnen“: die Eingangsuntersuchung/Einschreibepauschale, der Medikationsplan, die Überweisungssteuerung, die Leistungen zu Diabetes-Begleiterkrankungen und die GOP aus dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab. Die Vergütungspauschalen zwischen 3 und 12 Euro hängen ab von der Anzahl der gesicherten Diagnosen aus unterschiedlichen Indikationsgruppen. Die Bezahlung der Pauschalen setzt die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein wie bisher um.

Die KV Nordrhein hat die Softwarehäuser kurz vor Weihnachten über die neuen SNR informiert und um ein rasches Update gebeten. Setzt ein Softwarehaus dies um, finden Praxen die neuen SNR bereits für das 1. Quartal 2018 in der Praxissoftware. Auch wenn die SNR noch nicht hinterlegt sind, kann die Praxis an den Verträgen teilnehmen. Spätestens mit dem Update zum Ende des Quartals sollten sie in der Software zur Verfügung stehen. „Wir setzen uns weiter für eine Anhebung der Vergütung und eine Erleichterung des Verfahrens ein“, hat der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein angekündigt.

Frank Naundorf