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Versorgung in prekären Lebenslagen: Medizin am Rande der Gesellschaft

31.01.2018 KVNO aktuell

Sie zählen zu den unbürokratischen Helfern: die Mitarbeiter des Teams der „Praxis ohne Grenzen“ aus Solingen. Ende 2017 wurde das Projekt „Medizinische Hilfe Solingen“ mit dem Gesundheitspreis NRW ausgezeichnet.

In der Solinger Praxis behandelt der niedergelassene Internist Dr. med. Christoph Zenses bedürftige Patienten: „Zu uns kommen Verschuldete, Verarmte, Wohnungslose, Migranten und Asylsuchende, auch Menschen mit einem Schamgefühl oder Ablehnungserfahrungen in ‚normalen‘ Praxen.

Allen gemeinsam ist, dass sie aus unterschiedlichen Gründen nicht bzw. nicht mehr krankenversichert sind und/oder über keine Mittel für selbst zu zahlende Medikamente sowie Hilfsmittel verfügen“, sagt der Hausarzt-Internist und Leiter des Projekts „Medizinische Hilfe Solingen“. Die im Projekt engagierten Ärzte und Helfer arbeiten unentgeltlich und ehrenamtlich, insgesamt 17 Personen sind derzeit dabei.

„Praxis ohne Grenzen“

In der Nähe des Hauptbahnhofs in Solingen unterhält das Projekt eine Praxis für Menschen in besonderen Lebenslagen. Sie bietet fachärztliche Versorgung inklusive apparativer Diagnostik sowie Labor an. Bei Bedarf können auch erste psychotherapeutische Gespräche geführt werden. Die Praxis ist immer donnerstags zwischen 12.30 und 13.30 Uhr geöffnet. Mittlerweile nehmen auch Patienten aus benachbarten Städten die einzigartige Hilfe der Solinger Einrichtung in Anspruch.

Das Foto zeigt Dr. med. Christoph Zenses in seiner Praxis

Dr. med. Christoph Zenses behandelt Patienten in der „Praxis ohne Grenzen”.

Ein komplexes Netzwerk von Kontakten, das Zenses als Mitglied des Ärztenetzes „solimed“ nutzen kann, gewährleistet, dass weitere Fachärzte eingebunden werden können, wenn eine fortdauernde Behandlung notwendig ist. Stark gefragt sind laut Zenses vor allem Gynäkologen und HNO-Ärzte. Aber auch auf Hautärzte, operierende Mediziner, Labor­ärzte und selbst auf Zahnärzte sowie Klinik kann er verweisen. „Kommt eine schwangere Frau zu uns, machen wir eine Erstuntersuchung inklusive Ultraschall, stellen einen Mutterpass aus und helfen der Frau des Weiteren einen Frauenarzt zu finden.“

Sehr erleichtert sei eine solche Frau, wenn für sie außerdem die Krankenhausentbindung organisiert und finanziert werde. „Wir kümmern uns im Prinzip auf vielen Ebenen um unsere Fälle.“ Im Rahmen einer sozialen Betreuung versuchen die Helfer auch, unversicherte Personen wieder in eine Krankenversicherung zu bringen. Zur Patientendokumentation benutzt die Praxis nur einen Karteikasten und keine elektronischen Medien. Die Patienten fühlen sich damit sicherer. Finanziert wird dies alles über Spenden.

„MediMobil“ und „Medikamententafel“

Primär zur Versorgung obdach- und mittelloser Menschen fährt das „MediMobil“ jeden Dienstag von 17 bis 19 Uhr mit einem ehrenamtlichen Fahrer des Roten Kreuzes, einem Arzt und einer Arzthelferin feste Stellen in Solingen an. Das sind zum Beispiel die Notschlafstelle, die Tafel, die Bahnhofsmission und zwei weitere öffentliche Plätze. Möglich ist dies unter anderem auch durch die Unterstützung des örtlichen Ärztenetzes „solimed“, das sich an Sozialprojekten der Solinger Tafel beteiligt.

Diese umfasst zusätzlich eine „Medikamententafel“. Hier erhalten bedürftige Personen von „solimed“-Ärzten oder über ein bei der Tafel für Kunden gestempeltes grünes Rezept in bestimmten Partnerapotheken kostenfrei Medikamente. Denn für verarmte Menschen kann dies im Alltag bedeuten, dass ansonsten ein nicht verschreibungsfähiges, aber doch dringend benötigtes Arzneimittel, zum Beispiel für Kopfläuse, nicht zum Einsatz kommt.

„Aus den Daten von Erhebungsbögen in NRW-Ausgabestellen von Tafeln wissen wir, dass sozial Benachteiligte sich Arzneimittel im Rahmen der Selbstmedikation nur kaufen, solange sie es sich finanziell leisten können“, sagt Zenses. Dies betrifft auch zunehmend ältere Patienten, die von Altersarmut betroffen sind. „Wir möchten auf die Probleme solcher Menschen aufmerksam machen und werden auch auf dem Berliner Armutskongress in Berlin am 20. und 21. März mit unserem ‚MediMobil‘ in einer großen Demo vor Ort aktiv Stellung beziehen.“

Sigrid Müller

Weitere Angebote: Düsseldorf, Essen, Köln

Die „Medizinische Hilfe für Wohnungslose Düsseldorf e. V.“ unterstützt seit 1996 obdachlose Patienten in Düsseldorf. Derzeit bietet der Verein seine Dienste mittels eines umgebauten Wohnmobils an ausgesuchter Stelle oder in den Praxisräumen der „Medizinischen Hilfe“ an der Neusserstraße 35 an. Rechtlich handelt es sich beim Wohnmobil um eine Zweigpraxis. Jährlich werden rund 2.400 Patienten behandelt. Vereinsleiter ist Hausarzt Dr. med. Carsten König, stellvertretender Vorsitzender der KV Nordrhein. Finanziert werden Räume und Personal durch einen städtischen Zuschuss und Spenden. Die medizinische Arbeit erfolgt ehrenamtlich.

Im Rahmen der Fachtagung „10 Jahre Obdach Plus“ zur Versorgung psychisch schwer erkrankter obdachloser Menschen 2017 in Düsseldorf würdigte König das Angebot des LVR-Klinikums und des Projektes „Obdach Plus“ für ihr Engagement. „Obdach Plus“ bietet diesen Menschen für zirka drei Jahre eine Unterkunft in eigenen Wohneinheiten und individuelle Hilfe an. Zwischen 150 und 180 Menschen sind in Düsseldorf dauerhaft wohnungslos. Sie schlafen auf der Straße oder in Notschlafstellen. Etwas über 900 Menschen leben in städtischen Notunterkünften. „Obdach Plus“ hat in den vergangenen zehn Jahren 50 Bewohner aufgenommen – bei 185 Anfragen. König plädierte zudem an die politisch Verantwortlichen, dafür Sorge zu tragen, dass Wohnangebote für obdachlose Menschen ausgebaut würden.

Zwei weitere Beispiele für mobile Hilfen gibt es in Essen und Köln: Das Essener Arztmobil für Menschen ohne festen Wohnsitz, Geflüchtete, Suchtkranke und generell sozial schwächer gestellte Mitbürger bietet ein niederschwelliges Angebot zur Gewährleistung der Grundversorgung an. Getragen wird dies von der Gesellschaft für Soziale Dienstleistungen Essen (GSE). Ebenso läuft in Köln ein „Mobiler Medizinischer Dienst“ unterschiedliche Einrichtungen für Wohnungslose an. Der Dienst besteht aus Ärzten und weiterem medizinischem Personal und behandelt ebenfalls auch nicht versicherte Patienten – auf Wunsch ano­nym. Finanziell getragen wird er von der KV Nordrhein und der Stadt Köln.

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