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NPPV-Projekt: Guter Start für neues Netzwerk

31.01.2018 KVNO aktuell, Verträge

Seit Anfang Dezember werden Patienten mit schweren neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen im Rahmen des Projekts zur neurologisch-psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung (NPPV) eingeschrieben. Das Interesse an der vernetzten Akutversorgung ist bei Ärzten und Psychotherapeuten groß.

Nach monatelanger Vorarbeit ist NPPV in der Praxis angekommen. Seit dem 1. Dezember 2017 werden Patienten eingeschrieben, die Zahl der Netzwerkpartner nimmt kontinuierlich zu. Mehr als 300 Ärzte und Therapeuten hatten bereits im Herbst ihr Interesse an einer Teilnahme bekundet, 73 haben inzwischen einen Vertrag mit der Netzwerkmanagement-Gesellschaft IVP, dem Projektpartner der KV Nordrhein, abgeschlossen. 140 Patienten sind dabei (Stand: 12. Januar 2018) – Tendenz stetig steigend.

„Das ist ein guter Einstieg“, sagt Projektleiter Dr. med. Karlheinz Großgarten, Geschäftsführer fürs Management der Außenbeziehungen bei der KVNO. Er hat in den vergangenen Monaten erlebt, was es heißt, das ambitionierte Projekt auf die Beine zu stellen. „Wir hatten viele formelle, juristische und bürokratische Hindernisse zu überwinden.“ Das Projekt wird durch den Innovationsfonds gefördert, auf Kassenseite sind zunächst die AOK Rheinland/Hamburg und der Landesverband Nordwest der Betriebskrankenkassen beteiligt – weitere Partner sollen später hinzukommen. Wesentliches Ziel: „Die Lebensqualität von Patienten mit hohem koordinativem Versorgungsbedarf wie affektiven Störungen, Psychosen, komplexen Traumafolgestörungen, Multipler Sklerose oder Parkinson soll sich verbessern.“

Akuten Versorgungsbedarf stillen

Insgesamt hat die KVNO rund 4.000 Neurologen, Psychiater und Psychotherapeuten auf das Projekt aufmerksam gemacht. „Es geht um die Zusammenarbeit unserer Berufsgruppen zur besseren Versorgung von Patienten mit akutem, intensivem Versorgungsbedarf“, betont KVNO-Vorstandsvorsitzender Dr. med. Frank Bergmann. „Wir benötigen mehr Ressourcen, eine gute Steuerung sowie Kooperation, um Patienten mit akuten Krisen häufiger sehen und die Chronifizierung von Erkrankungen verhindern zu können. Heute schon nutzen viele von uns informelle Netzwerke. Kooperation und Netzwerkbildung wollen wir mit dem Projekt durch Management-Leistungen unterstützen, um Ärzte und Therapeuten zu entlasten.“

Auch die Patienten reagieren sehr positiv auf das neue Angebot, sagt Dr. med. Uwe Meier, zweiter Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Neurologen und Vorsitzender des Spitzenverbands ZNS (siehe Interview): „Wir haben keinerlei Akzeptanzprobleme.“ Er wünscht sich, dass sich weitere Kassen an dem Projekt beteiligen und er die verbesserte Versorgung allen Patienten anbieten kann. „Ein Vorteil ist, dass den NPPV-Patienten durch die Vernetzung mehr Behandlungsangebote offenstehen als in der Regelversorgung.“

Dr. Heiko Schmitz

Das Foto zeigt Dr. med. Uwe Meier, Neurologe aus Grevenbroich und 1. Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Neurologen (BDN)

Dr. med. Uwe Meier, Neurologe aus Grevenbroich und 1. Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Neurologen (BDN)

„Arbeiten können, wie wir es den Patienten schulden“

KVNO aktuell: Herr Dr. Meier, wie ist Ihr Start als NPPV-Teilnehmer verlaufen?

Meier: Wir haben keine Probleme gehabt – die Modalitäten sind weitgehend selbsterklärend, einfach und übersichtlich. Für die Teilnahme ist eine gute Mischung aus dem Erheben notwendiger Daten und wenig Bürokratie gefunden worden.

Wovon profitieren die Patienten am meisten?

Die Patienten nehmen die zusätzlichen Ressourcen gern in Anspruch. Ihr Patientenpass, dessen psychologische Wirkung man nicht unterschätzen sollte, wirkt wie eine Eintrittskarte in eine bessere Versorgung. Viele nehmen den Mehrwert sehr bewusst wahr – Patienten mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen kennen lange Wartezeiten und volle Wartezimmer. Sie wissen den direkten Zugang, zusätzliche Angebote und die engmaschige Betreuung zu schätzen.

Inwiefern erweitern sich Ihre Ressourcen durch NPPV?

Wir haben nicht per se mehr Zeit und Ressourcen zur Verfügung, aber wir können unsere Ressourcen besser umverteilen zum Wohle schwerkranker Patienten beispielsweise mit Parkinson oder MS. Das ist mit organisatorischem Aufwand verbunden, aber es gelingt uns – wenn auch bei bisher noch niedrigen Fallzahlen.

Wie groß ist der Kreis Ihrer an NPPV teilnehmenden Patienten?

Das kann ich noch nicht genau sagen. Bisher gibt es das Angebot für AOK- und einige BKK-Versicherte, und es ist auf bestimmte Indikationen beschränkt. Und nicht jeder mit entsprechender Erkrankung braucht diese Form der Betreuung. Es handelt sich aber nicht nur um Einzelfälle.

Lohnt sich die Teilnahme für die Praxen?

Aus der Erfahrung einer großen neurologisch-psychiatrischen Praxis heraus eindeutig ja. Jeder weiß um das Missverhältnis von Aufwand und Leistungen und den dafür zu Verfügung stehenden Mitteln in unserer Fachgruppe. Unsere Kosten bei der Versorgung schwer kranker Patienten werden durch Fallwerte von 42 bis 60 Euro nicht gedeckt, zumal wir in der Regel Primärversorger für viele neurologisch und psychiatrisch Erkranket sind und koordinative Aufgaben übernehmen. Durch NPPV können wir Patienten medizinisch angemessen behandeln und ihnen zusätzliche Angebote machen – wir können innerhalb des Projekts so arbeiten, wie es unser Engagement für die Patienten und die medizinischen Notwendigkeiten auch erfordern. Zusätzlicher Aufwand und Engagement werden honoriert, auch wenn die Motivation, an NPPV teilzunehmen, nicht im monetären Anreiz liegen kann und darf.

Welche Wünsche haben Sie noch?

Ich freue mich, wenn weitere Krankenkassen dazu kommen und wir es schaffen, das Konzept perspektivisch in die Regelversorgung zu übertragen. Alle Teilnehmer zusammen sammeln jetzt Erfahrungen und wollen die Versorgung verbessern. Dazu müssen wir unter anderem noch mehr niederschwellige Gruppenangebote und eine Zuweisungskultur entwickeln.

Dr. Heiko Schmitz führte das Gespräch