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DMP-Bericht Nordrhein mit Schwerpunktthema Multimedikation: Polypharmazie im Griff

04.12.2017 KVNO aktuell, Verordnungsinfos

Seit mehr als zehn Jahre werden in Nordrhein Patienten in Disease-Management-Programmen (DMP) versorgt. Die langfristige Beobachtung und Auswertung der dokumentierten Daten zeigt, dass Patienten bei vielen gesundheitlichen Aspekten von einer kontinuierlichen Teilnahme profitieren. Eine besondere Herausforderung in der Versorgung ist die Polypharmazie. Doch trotz Multimedikation bei Patienten, die an mehreren DMP teilnehmen, werden die Qualitätsziele der Programme erreicht.

Mehrjährige Evaluationen von DMP-Daten vermitteln stabile Trends: Je länger die Patienten im DMP sind, desto besser gelingt das Erreichen der Qualitätsziele – nachweislich für die DMP Diabetes mellitus, Koronare Herzkrankheit (KHK) und Asthma bronchiale. Das führt dazu, dass beispielsweise schwere diabetische Folgeschäden wie Fußamputationen abnehmen. Dies belegt der aktuelle Bericht der Nordrheinischen Gemeinsamen Einrichtung DMP basierend auf der Evaluation der Dokumentationsdaten des Jahres 2016 durch das Zentralinstitut für die kassenärzt­liche Versorgung in Deutschland (Zi).

Herausforderung Multimorbidität

Ein großer Teil der Patienten in den DMP Diabetes mellitus Typ 2, KHK und COPD ist 70 Jahre alt oder älter. Mittlerweile wird ein Viertel der Patienten mit Diabetes und fast die Hälfte der KHK-Patienten parallel in anderen DMP betreut. Viele von ihnen leiden unter mehreren Begleiterkrankungen.

Dies führt unter anderem dazu, dass sich die entsprechend des jeweiligen DMP zu verordnenden Arzneimittel summieren. Die Zahl hängt außerdem ab von der Häufigkeit einzelner Begleiterkrankungen, dem Alter und dem Geschlecht: Männer bekommen mehr Medikamente als Frauen. In der Gruppe der in drei DMP betreuten Patienten (Diabetes Typ 2, KHK und COPD) erhalten über vier Fünftel der Patienten fünf oder mehr Wirkstoffe.

Multimedikation und Qualitätsziele

Anhand der Dokumentationsdaten wurde untersucht, inwieweit unerwünschte Nebenwirkungen im Rahmen von Polypharmazie das Erreichen der DMP-Qualitätsziele gefährden. Dabei ergibt sich ein durchaus positives Bild: Im Vergleich zu Patienten, die nur in dem DMP Diabetes mellitus Typ 2 betreut werden, erreichen die in zwei oder drei weiteren Programmen betreuten Teilnehmer nicht nur häufiger die verordnungsbezogenen Qualitätsziele, sondern es zeigen sich auch höhere Raten bei den Kontrolluntersuchungen (Nierenfunktion, Augen), den Überweisungen (bei schweren Fußläsionen) und den Schulungen. Somit weist diese Patientengruppe nach den DMP-Indikatoren eine gute Versorgungsqualität auf.

Welche Vorteile bringen die Disease-Management-Programme Ihnen als Hausärztin?

Es ist der Überblick. Mir gibt es ein beruhigendes Gefühl, an alles gedacht zu haben. So erinnert mich die Software jedes Quartal daran, nachzusehen, ob der KHK-Patient neue Medikamente benötigt oder etwas umgestellt werden muss, weil er einen neuen Stent hat, und ob die Blutverdünnung reduziert werden müsste. Wenn ich einen Privatpatienten mit Diabetes behandele, dann gehe ich im Kopf den DMP-Bogen durch, damit ich mir sicher bin, dass ich nichts vergessen habe.

Wie handhaben Sie die DMP innerhalb der Praxisorganisation? Durchführung und Dokumentation erfordern ja einigen Aufwand.

Ich habe vor rund drei Jahren in dieser Praxis begonnen – zu einer Zeit, als die DMP bereits gut etabliert waren, das hat vieles erleichtert. Das gängige Prozedere ist, dass Mitarbeiter die Patienten aktiv darauf ansprechen, Termine für bestimmte Untersuchungen wie Blutabnahme oder Messung der Lungenfunktion wahrzunehmen. Da unsere Praxis klein ist, und die meisten unserer betreuungsintensiven Patienten ohnehin zweimal im Quartal kommen, ist dies einfach.

Auch kennen unsere langjährigen MFA diese Patienten namentlich. Wir haben die DMP-Untersuchungen in unsere Routine eingebaut. Das bedeutet aber keinesfalls, dass sich das Einladungsmanagement erübrigt. Es garantiert uns, keinen Patienten und keine Untersuchung zu übersehen, und das mittels der in der Software hinterlegten Listen. Ohne DMP ginge das nicht.

Stichwort „Polypharmazie“: Ist es schwierig, alle medikamentösen Therapieziele von multimorbiden Patienten im Auge zu behalten?

Da stelle ich mich ganz auf den jeweiligen Patienten ein, den ich ja gut kenne. Ich muss zum Beispiel auch dessen Alter und eventuelle Unverträglichkeiten im Blick haben. Die DMP-Ziele und noch mehr die Leitlinien meiner Fachgesellschaft sind sehr nützliche Anhaltspunkte. Aber letztlich entscheide ich als Arzt, ob die initiierten Medikamente im Einzelfall dem Patienten nutzen oder eher nicht. Dieser Freiraum ist ja auch in der DMP-Dokumentation vorgesehen.