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Neue Onkologika: Wie viel Fortschritt ist bezahlbar?

04.12.2017 KVNO aktuell, Verordnungsinfos

Die Pipeline onkologischer Präparate ist prall gefüllt. Nach Angaben des Informationsdienstleisters Insight Health stehen 24 Onkologika kurz vor der Zulassung für den europäischen Markt. Gut 260 biopharmazeutische Onkologika befinden sich nach Angaben von vfa bio, der Biotechnologie-Sparte im Verband forschender Arzneimittelhersteller, in den klinischen Phasen 2 und 3, also im Test mit Erkrankten. Selbst wenn nicht alle Wirkstoffe auf den Markt kommen, so zeichnet sich ein deutlicher Zuwachs an Therapieoptionen ab. Doch die Kosten neuer Präparate sind extrem hoch. Ist dieser Fortschritt noch finanzierbar?

Diese Frage stand im Fokus der Veranstaltung „Onkologie: Herausforderungen einer innovativen Versorgung“, die am 12. Oktober 2017 im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf stattfand. Eingeladen hatten der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa), die GWQ ServicePlus, eine von Betriebskrankenkassen gegründete Aktiengesellschaft, die unter anderem Rabattverträge schließt, und die KV Nordrhein.

Dr. Sabine Sydow, Leiterin von vfa bio, verwies auf die seit Jahrzehnten steigende Zahl von Krebs-Neuerkrankungen auf gut 480 000 im Jahr 2013. Im Gegensatz dazu ist die Zahl der Todesfälle in den vergangenen dreißig Jahren nahezu konstant geblieben. Bei vielen Krebsarten haben sich laut Sydow die Überlebensraten erheblich verbessert.

Die Kosten des Fortschritts

Das ist auch auf die Entwicklung von Onkologika zurückzuführen. „In diesem Bereich gibt es bereits seit fast 20 Jahren große Fortschritte“, sagte Dr. med. Carsten König, stellvertretender Vorsitzender der KV Nordrhein. Doch angesichts immer spezialisierterer und teurer Therapien müsste sich die Gesellschaft fragen, wie sie die Mittel für die Gesundheitsversorgung einsetze.

Das Bild zeigt einen Mann mit Grafiken in Form von Kugeln.

Ein Pharmaforscher erläutert am Computerbildschirm die Struktur einer neuen Substanz. Allein gut 260 biopharmazeutische Onklogika befinden sich derzeit schon in klinischen Phasen. Kommen sie als neue Präparate auf den Markt, dürften die Hersteller hohe Preise für sie verlangen.

Es gelingt immer häufiger, die Diagnose Krebs vom Todesurteil auf eine chronische Krankheit zu reduzieren. Sydow präsentierte Zahlen aus dem IGES Arzneimittel-Atlas, nach denen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für onkologische Präparate zwischen 2011 und 2016 von 3,5 auf 5,4 Milliarden Euro
gestiegen seien.

Den Fortschritt haben wir uns demnach teuer erkauft. Die Krankenkassen sind alarmiert –
und spitzen die Betrachtung zu. Die Kosten für Onkologika sind nach ihren Angaben im Laufe des Jahres 2016 um 17,2 Prozent bzw. 858 Millionen Euro auf 5,8 Milliarden Euro gestiegen. Diese Dynamik habe auch die frühe Nutzenbewertung nicht gestoppt.

Zudem komme das Instrument noch nicht häufig genug zum Einsatz, monierte Dr. Barthold Deiters, Leiter Arzneimittel der GWQ. Der Apotheker kritisierte, dass immer mehr Medikament als „Orphan Drugs“ zugelassen würden, darunter ein hoher Anteil an onkologischen Präparaten.

Ruf nach dem Gesetzgeber

Durch die schnellere Zulassung der Mittel gegen seltene Erkrankungen werde die frühe Nutzenbewertung umgangen. Deiters forderte den Gesetzgeber auf, den „Trend zur Orphanisierung“ zu stoppen, zum Beispiel, indem die Umsatzgrenze von 50 Millionen Euro gesenkt wird, ab der auch bei „Orphan Drugs“ ein Zusatznutzen nachgewiesen werden muss.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Fünf-Jahres-Überlebensraten verschiedener Krebsarten.
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Krebs: Fünf-Jahres-Überlebensraten deutlich gestiegen

Die Kostenzuwächse im Bereich der onkologischen Präparate verfolgt auch Dr. Holger Neye, Leiter der Pharmakotherapieberatung der KV Nordrhein, mit Sorge, da die finanziellen Ressourcen für die Versorgung begrenzt seien. Die Kassenärztliche Vereinigung identifiziere deswegen Einsparmöglichkeiten und setze Maßnahmen dazu um, etwa mit Quotenregelungen für Biosimilars. Inzwischen gebe es mit einem Rituximab-Nachahmer auch schon ein onkologisches Biosimilar. „Wir werden uns aber massiv dagegen wehren, wenn jemand verlangen würde, dass Ärzte Therapieentscheidungen von den Kosten der Präparate abhängig machen.“

Die Entwicklung neuer Präparate begrüßte Dr. med. Helmut Forstbauer, Mitbegründer des Praxisnetzwerks Hämatoonkologie und internistische Onkologie im Rhein-Sieg-Kreis. Denn Krebspatienten könnten dadurch mit der Diagnose immer länger leben. Forstbauer berichtete von den ersten Erfahrungen mit dem Proteinkineaseinhibitor Imatinib, der 2001 auf den Markt kam – und die Behandlung der chronischen myeloischen Leukämie (CML) revolutionierte.

Es braucht mehr als Medikamente

Seitdem drehe sich das Entwicklungsrad immer schneller. Doch die Innovationen allein garantierten keine hervorragende Versorgung. Ganz wichtig ist nach Worten des Onkologen der „Innovationstransfer“, der die „klinische Expertise mit der onkologischen Breiten- und Langzeitversorgung“ verbinde. Wichtig sei auch die sektorenübergreifende Vernetzung, die in der Onkologie laut Forstbauer schon lange intensiv gelebt werde – zum Wohle der Patienten.

Doch zurück zur Eingangsfrage: Ist unser Versorgungssystem angesichts des rasanten Fortschritts und steigender Preise auf Dauer finanzierbar? Eine gemeinsame Antwort auf diese Frage konnten die Teilnehmer im Haus der Ärzteschaft an diesem Tag nicht finden.

Frank Naundorf

Orphan Drugs

Der Begriff Orphan-Arzneimittel oder „Orphan Drug“ bezeichnet Arzneimittel, mit denen seltene Krankheiten behandelt werden können. Das im November 2010 verabschiedete Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) verlangt unter anderem, dass der Hersteller für alle neuen Arzneimittel Nachweise für einen Zusatznutzen vorlegen muss.

Da eine Zulassung als Orphan-Arzneimittel nur dann erteilt wird, wenn die Erkrankung selten ist und es bisher keine adäquate Therapie gibt, entfällt für ein Orphan-Arzneimittel die Notwendigkeit des nochmaligen Nachweises eines Zusatznutzens. Ausnahme: Erreicht ein Orphan-Arzneimittel einen Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro, muss der Hersteller dennoch den Nachweis des Zusatznutzens erbringen.

 

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