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Ärztinnen und Ärzte für die Substitution gesucht: Siege über die Sucht

01.09.2017 KVNO aktuell

Gut 320 Ärztinnen und Ärzte substituieren derzeit in Nordrhein. Vor zehn Jahren waren es noch fast 360. Die Zahl sinkt – langsam, aber kontinuierlich. Engagierte Einsteiger sind herzlich willkommen. Die Entwicklung macht Dr. Knut Krausbauer, dem Vorsitzenden der Substitutions-Kommission der KV Nordrhein, Sorgen: „Wir beobachten besonders in ländlichen Regionen einen Mangel an Substitutionsangeboten.“ Die Situation droht sich in den kommenden Jahren zu verschärfen. „Gut ein Drittel der substituierenden Kolleginnen und Kollegen sind über 60 Jahre alt.“

Viele weiße Flecken in der Substitutions-Landschaft gibt es heute schon im Kreis Euskirchen. In Zülpich und Euskirchen geben zwei Praxen Ersatzstoffe an Substitutionspatienten ab. In den anderen neun Gemeinden ist niemand dafür da. Ähnlich sieht es aus am Niederrhein, in den Kreisen Kleve und Heinsberg, im Oberbergischen und im Kreis Wesel.

Das Bild zeigt Dr. Michael Wefelnberg.

Dr. Michael Wefelnberg vor der Dosiermaschine, in seinen Händen hält er die Methadonlösung. Links auf dem Bildschirm ist zu sehen, wie sich ein Patient verhalten hat: rote Zeilen zeigen Beikonsum an (© KVNO | Naundorf).

Dr. Michael Wefelnberg | Kreis Wesel

Hier, in den Standorten Hünxe, Dinslaken und Wesel, hält Dr. med. Michael Wefelnberg die Substitutions-Stellung. „Ich bin derzeit der einzige nordrheinische Substitutions-Arzt nördlich von Dinslaken“, sagt der 57-Jährige. Fast ein Jahr lang musste der Allgemeinmediziner mehr als 100 Abhängige an den Standorten allein mit Methadon, Polamidon, Buprenorphin oder den anderen Ersatzstoffen versorgen. Der Grund: Drei Ärzte mit der Zusatzqualifikation Sucht haben das Medizinische Versorgungszentrum verlassen, die drei Neueinsteiger hatten diese nicht. Noch nicht. Das wird sich aber bald ändern. „Darüber bin ich froh“, sagt Wefelnberg.

Dank „klarer Strukturen“ in der Praxis hat er die Zeit gemeistert: „Wir sind in der Praxis ein eingespieltes Team.“ Besonders die MFA mit der Zusatzqualifikation „Suchtmedizinische Versorgung“ sind gefragt. „Neben den medizinischen und organisatorischen Aufgaben, die sie übernehmen, sind sie vor allem ganz wichtige Kontaktpersonen für die Abhängigen“, betont Wefelnberg.

Die Karte zeigt die Verteilung der substituierenden Praxen in Nordrhein Bild vergrößern

Substitution in Nordrhein
In 95 Gemeinden in Nordrhein gibt es keine substituierende Praxis (grau), in 70 gibt es mindestens einen substituierenden Arzt (hellrot). Wo ein Angebot existiert, ist die Zahl der substituierenden Ärzte angegeben.

Kontrolle auf Beikonsum

Seit 1994 hilft er Abhängigen, teils in der reinen Substitutions-Praxis in Wesel, teils in seinen „normalen“ Praxen in Hünxe und Dinslaken – und er würde es immer wieder machen. Auch wenn eine sorgfältige Aufsicht der Therapie notwendig ist, zum Beispiel die Kontrolle auf sogenannten Beikonsum, also andere Drogen wie Alkohol, THC oder Kokain. Das heißt Urinkontrolle mindestens dreimal im Quartal, meist häufiger, bei „verdächtigen Patienten“ sogar täglich.

Die gut funktionierende Software erleichtert die Arbeit: Ein Blick auf den Bildschirm des Praxis-PC zum Beispiel zeigt Wefelnberg sofort, wie sich ein Patient verhalten hat: grüne Zeilen stehen für negative Kontrollen, rote für positive. Störend findet er die drohenden Sanktionen bei fehlerhaften BtM-Rezepten. „Das Strafrecht muss aus diesem Kontext raus“, sagt der engagierte Kommunalpolitiker.

Als Arzt wiederum freut er sich über jeden Patienten, den er zurück in den Beruf bringt oder gar ganz aus der Abhängigkeit führen kann. „Bei den Abhängigen stehe ich vor einer echten medizinischen Herausforderung, einer Situation also, die sich jeder engagierte Arzt wünscht.“, sagt er. Früher seien diese Patienten kaum 40 Jahre alt geworden, heute liege dort das Durchschnittsalter.

In der seit Kurzem geltenden neuen Fassung der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) steckt das Ziel wie folgt fest: „Im Rahmen der ärztlichen Therapie soll eine Opioidabstinenz des Patienten angestrebt werden.“ Ebenso geht es einfach um „die Sicherstellung des Überlebens, die Besserung und Stabilisierung des Gesundheitszustandes sowie die Reduktion der Straffälligkeit“.

Das Foto zeigt Dr. Dagmar Anheyer (li.) und Christine Hattenbach in ihrer Praxis in der Düsseldorfer Luisenstraße.

Dr. Dagmar Anheyer (li.) und Christine Hattenbach in ihrer Praxis in der Düsseldorfer Luisenstraße – eine „tolle Ergänzung zur normalen Sprechstunde“ (© KVNO | Naundorf).

Dr. Dagmar Anheyer | Düsseldorf

Der Gesundheitszustand ist bei vielen Abhängigen desolat. Ihn zu verbessern ist das Ziel von Dr. med. Dagmar Anheyer. „Viele sind medizinisch unterversorgt, leiden unter Wunden, Infekten oder psychischen Erkrankungen“, sagt die Allgemeinmedizinerin aus Düsseldorf. Seit 2004 hilft sie Abhängigen, mietete 2009 Praxisräume an der Luisenstraße nahe des Bahnhofs an, um hier zu substituieren. Anheyer stimmte sich mit dem Bezirkspolizeibeamten, dem Ordnungsamt und dem Amtsapotheker ab, suchte Kontakt zur Nachbarschaft. „Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht und kann das nur empfehlen.“

Die Gegend ist keine für einen Familienausflug: Spielhallen, Shisha-Bars, Sex-Shops und schon am Mittag rund ein Dutzend Menschen mit Bierflaschen auf dem nahe gelegenen Mintrop-Platz. Nach der Einnahme des Ersatzstoffes müssen die Patienten von Anheyer und Internistin Christine Hattenbach, die mit in der Praxis arbeitet, die Umgebung wieder verlassen.

Es gibt klare Regeln. Die sind in einer Betreuungs-Vereinbarung fixiert, die jeder Patient in der Luisenstraße unterzeichnen muss. „Ich verzichte ausdrücklich auf jeglichen Beikonsum von Medikamenten, illegalen Drogen und Alkohol“, heißt es darin zum Beispiel. In elf Paragrafen sind die Grundlagen für die Zusammenarbeit geregelt, wer dagegen verstößt, fliegt raus. „Wir sind keine Ersatz-Drogentankstelle, sondern eine Praxis, in der multimorbide Patienten behandelt werden“, erklärt Anheyer.

Beide Ärztinnen betreuen jeweils über 50 Substitutions-Patienten – und das an 365 Tagen im Jahr. „Ich fahre auch am Wochenende gern hierhin, um meinen Job zu machen“, sagt Inter nistin Hattenbach. Die Patienten seien „sehr nett, höflich und dankbar“. Angst haben die beiden Frauen nicht. „Wir behandeln unsere Patientinnen und Patienten wertschätzend – und werden auch umgekehrt geschätzt“, ergänzt Anheyer. Die Arbeit in der Substitutions-Praxis sieht sie als „tolle Ergänzung zur normalen Sprechstunde“ in ihrer Stammpraxis im Düsseldorfer Süden.

Bei den meisten Patienten ist es ihr Ziel, sie wieder so fit zu machen, dass eine Reintegration möglich ist. Auch wenn die beiden oft weit über den medizinischen Tellerrand schauen – das können sie nicht allein leisten. Dies funktioniert nur in einem größeren Netzwerk, und das gibt es zum Glück.

Besonders gut arbeitet das Ärztinnen-Team aus der Luisenstraße mit der Düsseldorfer Drogenberatungsstelle „komm-pass“ zusammen. „Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter machen einen immens wichtigen Job, sie organisieren zum Beispiel Wohnungen oder helfen bei Amtsgängen“, so Anheyer. Die gemeinsamen Gespräche in der Praxis hätten sich als „überaus wertvoll“ erwiesen. „Zum einen wird das Vertrauen der Patienten in unsere ärztliche Arbeit gestärkt, zum anderen erhalten wir auf kurzem Wege schon mal Informationen, um in Krisensituationen früher eingreifen zu können.“

„Wir freuen uns über jeden Patienten, der clean wird, über jeden unserer Siege über die Sucht“, sagt die Ärztin. Auch wenn die Siege nicht immer dauerhaft seien: Die Substitution dauere oft Jahre, mit Aufs und Abs. Doch manch cleanen Patienten betreut sie nun in ihrer Garather Hausarztpraxis. „Das finde ich schön“, sagt Anheyer, schaut aus dem Fenster und lächelt.

Take-Home-Vergabe verlängert

Das Bundesgesundheitsministerium hat längst erkannt, dass neue Ärzte für die Substitution gefunden werden müssen. Deswegen ist zum Beispiel möglich, dass Ärzte ohne die Qualifikation „Suchtmedizin“ ab Oktober 2017 zehn Patienten konsiliarisch betreuen dürfen. Bislang waren es nur drei. Zudem wurden die Take-Home-Verschreibungen ausgeweitet (siehe Kasten) und Einrichtungen wie Gesundheitsämtern, Hospizen und Heimen die Möglichkeit eingeräumt, Substitutionsmittel abzugeben.

„Es ist sehr gut, dass die Take-Home-Vergabe verlängert wurde“, sagt Krausbauer. Denn einige Patienten seien gut integriert, gingen geregelter Arbeit nach. „Die sollten nicht permanent in die Praxis kommen müssen“, so der Hausarzt aus Krefeld, der seit mehr als 20 Jahren die Substitutions-Kommission leitet.

Er hofft, dass sich jüngere Hausärztinnen und Hausärzte für die „interessante und wirklich befriedigende Substitutions-Tätigkeit“ finden. „Wir helfen den Abhängigen damit wirklich – vor allem, ein Leben in Würde zu führen.“

Frank Naundorf

Etwa 15.000 Menschen in Nordrhein sind abhängig von Opiaten. Ärztinnen und Ärzte können ihr Leben verlängern oder gar helfen, einen Weg aus dem Teufelskreis der Sucht zu ebnen. Wer an dieser Aufgabe mitwirken möchte, erhält mehr Infos in der „Geschäftsstelle Substitution“ der KV Nordrhein.

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