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STAND ● PUNKT: "Wir Ärzte müssen digital denken"

16.05.2017 KVNO aktuell

Lebten wir in einer Zeit, in der wir das Zweizeilen-CT noch als Errungenschaft feiern, Rollkuren für Patienten mit einem Ulcus empfehlen oder Gallenblasen regelhaft durch einen großen Bauchschnitt entfernen würden, wir könnten die Telematikinfrastruktur (TI) als großen Schritt der Medizingeschichte feiern.

Im Jahr 2017 bleibt allerdings nur eine Diagnose: Die TI ist konzeptionell von vorgestern. Sie verschwendet unsere Zeit im Alltag von Praxis und Klinik. Und sie ist natürlich viel zu teuer. Vor allem aber verzögert sie auf Jahre moderne, digital unterstützte Versorgungskonzepte. Konzepte, die uns helfen, unsere Patienten besser zu betreuen.

„Es geht um den Führungsanspruch.“

Die Idee hinter der TI ist grundsätzlich gut: Die Vernetzung der Leistungserbringer, der sektorenübergreifende Zugang zu Patientendaten, die Stärkung der Versorgungsforschung, die Bereitstellung von Notfalldaten und anderes mehr. Jeder, der gute Medizin noch besser machen will, wird sich dieser Meinung anschließen können. Aber machbar ist das schon lange. Jedes iPhone kann bereits heute mehr für die medizinische Versorgung leisten, als es die Planung in Sachen eGesundheitskarte bis ins Jahr 2020 vorsieht.

DasFoto zeigt Dr. med. Markus Müschenich (MPH), Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin.

Dr. med. Markus Müschenich (MPH) ist Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin sowie Gesundheitswissenschaftler. 2012 gründete er die Start-up-Manufaktur Flying-Health, 2013 den Bundesverband Internetmedizin, und ist seitdem dort als Vorstand tätig. Müschenich lebt in Berlin, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Eine Hommage an den Arztberuf veröffentlichte er im Buch 55 Gründe, Arzt zu werden.

Wie kann der Gesetzgeber ein solches Desaster zulassen? Wieso hat die IT-Industrie nicht ihre Lobbyisten in Gang gesetzt und darauf hingewiesen, dass bereits seit Jahren die Kartentechnologie als zukunftslos gilt und Konnektoren ins Museum gehören? Die schmerzhafteste Frage allerdings lautet: Warum lässt sich die verfasste Ärzteschaft im Jahr 2017 zwingen, drittklassige IT-Konzepte auf den Weg zu bringen?

Stimmt etwa die Verschwörungstheorie, dass Ärzte unter einer Digital-Phobie leiden, die
so weit geht, dass sie sich noch nicht einmal über Alternativen informieren? Oder ist es der Glaube, dass Ärzte auch ohne digitale Kompetenz weiter ihren Führungsanspruch in der Gesundheitsversorgung einfordern können?

„Die TI ist konzeptionell von vorgestern.“

Der Konflikt um die TI ist nur die Spitze des Eisbergs. Es geht um mehr als um teure Kartenterminals, gescheiterte Finanzierungsvereinbarungen und angedrohte Budgetkürzungen. Es geht um die Frage des Führungsanspruchs: Wer wird in Zukunft die Regeln bestimmen? Regeln, die von der Freiberuflichkeit bis zur Vergütung unsere ärztliche Welt bestimmen.

Wir können der Digitalisierung nicht entkommen. Jeder, der es versucht, scheitert. Die Regeln von Ökonomie und Gesellschaft werden von denen bestimmt und geändert, die die digitale Klaviatur beherrschen. Es wäre naiv anzunehmen, dass ausgerechnet die Medizin eine Ausnahme bilden wird.

Wir Ärzte müssen anfangen, die medizinische Versorgung konsequent digital zu denken. Das wird ein akuter, schmerzhafter Prozess, denn wir werden feststellen, dass vieles, auf das wir stolz sind, von digitalen Werkzeugen besser gemacht werden kann. Die Alternative allerdings ist, dass andere bestimmen, wohin unser Weg in die Zukunft geht. Und das ist dann ein chronischer Schmerzzustand, den sicher keiner haben will.

Dr. med. Markus Müschenich

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