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Musikerambulanz an der Uniklinik Düsseldorf: Das Team hat den Bogen raus

16.05.2017 Gesundheitstipps, KVNO aktuell

Der Triller ist oft ein Problem. Besonders dann, wenn man diesen schnellen Tonwechsel immer und immer wieder spielen muss – und damit den Bewegungsapparat strapaziert. Für die speziellen Gesundheitsprobleme von Berufsmusikern, aber auch für die Nöte von Laien und Kindern, die ein Instrument spielen, gibt es eine einzigartige Anlaufstelle in Nordrhein-Westfalen: die interdisziplinäre Musikerambulanz an der Uniklinik Düsseldorf.

Vor fünf Jahren öffnete sie ihre schallgeschützte Pforte. Seitdem hat das Team um Dr. rer. medic. Wolfram Goertz rund 2.000 Patienten behandelt. Die Besonderheit der Ambulanz in der zehnten Etage der MNR-Klinik an der Uniklinik Düsseldorf: Die Behandlung findet immer am und mit dem jeweiligen Instrument der Musiker statt.

Das Team besteht aus Goertz (der Musikwissenschaft, Kirchenmusik und Theoretische Medizin studiert hat), der Neurologin Dr. med. Ulrike Kahlen und der Physiotherapeutin Christiane Keller; oft kommen Kollegen aus der Orthopädie oder der Handchirurgie dazu.

Der Bedarf an Behandlung und Hilfe ist groß, denn allein in Nordrhein-Westfalen gibt es gut 5.000 professionelle Musiker – 35 Berufsorchester sind hier beheimatet. Dazu kommen etliche Musikschulen und engagierte Laien, die ebenfalls regelmäßig üben.

Schattenseiten der Belastung

Kein Wunder, dass die Mitarbeiter der Ambulanz oft Überlastungssyndrome feststellen – Musiker sind sozusagen Leistungssportler. Gitarristen, Geiger, Pianisten und Schlagzeuger sind besonders oft betroffen – darunter viele Kinder und Jugendliche. „Fast ein Fünftel unserer Patienten ist unter 18 Jahre alt“, sagt Goertz.

Die junge Geigerin, die erste Patientin des Tages, hat gerade ihren 19. Geburtstag gefeiert. Ein Ständchen hätte sie sich kaum selbst spielen können, denn die Musikerin plagen Krämpfe im Unterarm und Schmerzen im kleinen Finger. Es fehlt die Kraft, die Saiten richtig niederzudrücken.

Das Bild zeigt einen Arzt und eine Patientin.

Dr. Wolfram Goertz führt die Untersuchungen mit Patientin und Instrument durch.

Ein Vibrato, die schwingende Frequenzänderung, die Töne lebendig klingen lässt, ist nicht mehr möglich. Das Jugendorchester ihrer Stadt muss deswegen schon Monate auf seine Geigerin verzichten.

Wie die meisten der Ambulanz-Patienten hat sie eine Praxis-Odyssee hinter sich: Bei der Hausärztin war sie, beim Orthopäden, einem Chiropraktiker, einem Physiotherapeuten und zwei Neurologen. Viele Anamnesen, viele Behandlungen – die Leiden sind geblieben.

Jetzt kommt das Team der Musikerambulanz ins Spiel. Die Behandlung beginnt mit einer ausgiebigen Fragerunde: Kribbelt es? Schläft der Arm häufiger ein? Gibt es die Phänomene auch am rechten Arm? Kahlen fragt nach Medikamenten, nach Kinderkrankheiten und familiärer Disposition.

Danach darf sie ihre Geige auspacken und spielen. Sie tut dies sehr vorsichtig, in Schonhaltung. „Spiel mal forte“, fordert Goertz sie auf. Derweil achtet das Team besonders auf Stand und Haltung – die „unergonomisch“ aussieht. Goertz und seine Kolleginnen beurteilen die Haltung professionell; solche Fälle sehen sie häufig.

Dr. Kahlen kann keine neurologische Ursache ausmachen. Eine Erkrankung des Zentralen Nervensystems sei allerdings nicht ganz ausgeschlossen, sagt sie. Zwar seien der schlecht trainierte Muskelapparat und die Band­instabilität eine denkbare Ursache der Leiden; trotzdem komme auch eine stationäre Aufnahme in Betracht.

Nach knapp einer Stunde ist die Behandlung abgeschlossen. Die junge Musikerin bekommt einen Übeplan, der mit täglichen Einheiten von drei mal drei Minuten beginnt. Ein Physiotherapeut wird helfen, die Fingerhaltung zu korrigieren und die Muskulatur gezielt aufzubauen. In acht Wochen soll sie wiederkommen.

Zweimal in der Woche gibt es in der Ambulanz vormittags eine Sprechstunde. Zuvor müssen die Patienten einen Anamnesebogen ausfüllen. Für die Behandlung in der Musikerambulanz zahlen die Patienten 193 Euro. „Nicht selten sehen wir die Patienten zweimal“, so Goertz.

Das Bild zeigt eine Ärztin und eine Patientin.

Dr. Ulrike Kahlen hilft der jungen Geigerin dabei, wieder schmerzfrei Geige zu spielen.

Der nächste Patient ist ein Trompeter, Mitte 20, Probleme mit dem Ansatz, also beim Blasen. Christiane Keller, die selbst dieses Instrument spielt, bittet ihn, ein klingendes F zu intonieren. Das gelingt nicht. Die Ursachen für die Probleme sind unklar.

Der Trigeminus sei bei einer Operation verletzt worden, bei einem kieferchirurgischen Eingriff sei ein Loch in der Kieferhöh­le entstanden, berichtet der Patient. Oder haben die Phänomene eine psychogene Komponente? Das Team vermutet eine Craniomandibuläre Dysfunktion. Um weitere Untersuchungen einzuleiten, übernimmt die Kieferorthopädie.

Bei der dritten Patientin erklingt ein Klavier im Behandlungszimmer. Die Pianistin spielt eine Chopin-Etüde. Die 20-jährige Serbin verspürt seit Kurzem starke Schmerzen in den Unterarmen und den Händen. Goertz, Kahlen und Keller fallen starke Überdehnungen auf, die linke Hand hält die junge Frau höher als die rechte, der Rücken ist schief, eine Skoliose. Doch das hat nach Goertz‘ Ansicht weniger mit den akuten Leiden zu tun: „Es ist das Stück mit seinen starken repetitiven Bewegungsfiguren.“ Chopins Werke sind sowieso berüchtigt – besonders die Trillerketten.

Herausforderung Chopin

Viele Musiker haben mit Überbelastung und falschem Üben ihre Gesundheit ruiniert. Insbesondere fokale Dystonien führen immer wieder zur Berufsunfähigkeit. Um die zu verhindern, setzt die Neurologin Dr. Kahlen das Nervengift Botulinumtoxin gezielt ein.

Das ist bei der Serbin nicht nötig. Falsches Üben war ihr „motorischer Killer der Muskulatur“. Ein verbreitetes Phänomen. Mindestens acht Stunden täglich hat sie in die Tasten gehauen, nur wenige Pausen eingelegt. Grundfalsch sei das, meint Goertz.

Schon nach 15 Minuten flache die Aufmerksamkeitskurve ab. Deswegen sollten Musiker spätestens nach 20 Minuten eine Pause einlegen. Auch das Aufwärmen werde vielfach vernachlässigt, was muskuläre Beschwerden begünstige. „Viele haben nie gelernt, wie man richtig übt.“

Die Fachleute der Musikerambulanz empfehlen „intelligentes Üben“, das nicht nur die nötigen Ruhephasen enthält, sondern auch das gedankliche Durchgehen der Partituren. So lasse sich langsam auch das Schmerzgedächtnis“ deaktivieren, das sich bei vielen Musikern über Monate entwickelt habe.

Die Pianistin hat den Weg in die Ambulanz rechtzeitig gefunden. Ihr dürften die Übungen helfen, ihre Finger- und Unterarmmuskulatur aufzubauen und zu entspannen. Hält sie sich an das Aufwärmprogramm und den Übeplan, wird ihr Chopin bald keine Schmerzen mehr bereiten.

Frank Naundorf

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