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STANDPUNKT: Schluss mit der Influenza

21.03.2017 KVNO aktuell, Praxisinfos

Die Influenzawelle war wieder da, so wie in jedem Jahr. Zuerst gelangen die pädiatrischen Praxen an die Belastungsgrenze. Dann stecken die Kinder die betreuenden Erwachsenen an. Medien und Öffentlichkeit zeigen sich beunruhigt über zehntausende gemeldete Fälle und hunderte Grippe-Tote. Doch viele sind weiterhin der fälschlichen Meinung, dass eine Influenza lästig, aber nicht gefährlich sei. Diesen Kreislauf wollen die Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein durchbrechen und mit Irrtümern aufräumen. Ralph Köllges, Impfbeauftragter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein, erklärt, was zu tun ist.

Vor wenigen Tagen wäre ein dreijähriges Mädchen, das ich aus meiner Praxis kenne, fast an einer Myokarditis gestorben – Folge einer Influenza. Das Leiden und Bangen wäre vermeidbar gewesen: Wir haben die Möglichkeit, die Influenza im Zaum zu halten. Es gibt aber drei Knackpunkte.

1. Wir brauchen eine generelle Standardimpfung
Kinder haben eine längere und höhere Virusausscheidung und sind aufgrund des noch nicht vorhandenen Hygienebewusstseins das „Feuer der Influenzawelle“. Kinder werden in Deutschland aber nicht standardmäßig geimpft. Selbst die Impfraten bei chronisch kranken Kindern sind extrem niedrig: Von rund 13 Millionen in Deutschland sind gerade einmal 600.000 gegen Influenza geimpft, weniger als fünf Prozent.

Das Bild zeigt Ralph Köllges.

Ralph Köllges ist als Pädiater in Mönchengladbach niedergelassen. Er ist berufspolitisch aktiv als Impfbeauftragter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein.

Für die über 60-Jährigen empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) zwar eine Influenza-Impfung, doch das reicht nicht. Die STIKO versucht mit einer langen Indikationsliste chronisch Kranke betreffend mehr Akzeptanz zu erreichen, aber Indikationsimpfungen sind schwer zu vermitteln und von vielen individuellen Faktoren abhängig.

Unterm Strich erreichen manche Bundesländer gerade einmal Impfquoten von knapp über 20 Prozent; mit rund 33 Prozent liegen wir in Nordrhein-Westfalen auch weit unter dem Wünschenswerten. Viel zu wenig, um der Verbreitung von Grippeviren wirksam entgegenzutreten.

Um einen wirksamen Impfschutz gegen Influenza aufzubauen, brauchen wir dringend generelle Standardimpfungen, die auch Kinder umfassen. Dafür fehlt es bislang an Studien, welche die STIKO benötigt, um generelle Influenza-Impfempfehlung für Kinder und Erwachsene aussprechen zu können.

2. Ärzte müssen (endlich wieder) über Impfstoff entscheiden
Seit einigen Jahren wird auch der Influenzaimpfstoff von den Krankenkassen ausgeschrieben. Wir in den Praxen müssen dann verwenden, was die Kassen einkaufen. Dies erzeugt abstruse Resultate: Neben den trivalenten Impfstoffen (zwei Virusstämme A und ein Virusstamm B) steht seit Jahren ein tetravalenter Impfstoff (zwei Virusstämme A und zwei Virusstämme B aus den zwei virologischen Grundfamilien) zur Verfügung, der bei einem Wechsel des zirkulierenden B-Stammes in der Saison für eine bessere Wirksamkeit sorgen würde. Eingekauft wird aber immer nur der trivalente Impfstoff.

Die Grafik zeigt Impflücken bei Kindern in Deutschland. Grafik: AstraZeneca

Impflücke bei Kindern in Deutschland

In Nordrhein führt dies zudem dazu, dass der eingekaufte Impfstoff für Kinder unter drei Jahren ungeeignet ist, denn er verfügt über eine feste Nadel. Die in dieser Altersgruppe zu injizierende halbe Dosis kann von uns Pädiatern somit nicht lege artis geimpft werden. Hinzu kommen immer wieder Lieferprobleme, die entstehen, wenn man sich an einen Hersteller bindet. Schluss damit! Wir Ärzte brauchen wieder die Möglichkeit, den Impfstoff zu verwenden, der verfügbar und für die kleinen wie die großen Patienten zugelassen ist.

3. Verwirrspiel mit Satzungsleitungen einstellen
Vielleicht gut gemeint – aber in der Praxis völlig unpraktikabel: Das Dickicht der Satzungsleistungen einzelner Krankenkassen bei der Influenzaimpfung ist für die Praxen extrem verwirrend. So erlauben in Nordrhein unter anderem die Techniker Krankenkasse (TK), die Kaufmännische Krankenkasse, die Pronova BKK oder die BKK 24 die Influenzaimpfung bei allen Patienten unter 60 Jahren auch ohne Indikation. Die AOK Rheinland/Hamburg hat dies ausschließlich für Kinder unter 18 Jahren im Angebot. Natürlich ändert sich dies alljährlich. Und um das Verwirrspiel weiter zu treiben, kommt hinzu, dass der Impfstoff bei den Satzungsleistungen nicht dem Sprechstundenbedarf entnommen werden darf, sondern namentlich als Einzelrezept zu verordnen ist.

In unseren Praxen stehen wir deswegen vor aberwitzigen Situationen. Beispiel: Eine Mutter kommt mit zwei Jungs (versichert bei der TK) in die Praxis. Der Zehnjährige hat ein Asthma bronchiale und fällt somit in die Indikationsliste. Der zwölf Jahre alte Bruder darf über Satzungsleistung geimpft werden. Der chronisch Kranke bekommt den trivalenten Impfstoff aus dem Sprechstundenbedarf – der gesunde Bruder den tetravalenten Impfstoff als Satzungsleistung über Einzelrezept. Der gesunde Junge bekommt den breiteren Impfstoff – eine verkehrte Welt.

Das „schärfste Schwert der Prävention“ wird durch bürokratischen Aufwand zunehmend stumpf. Bei jeder Influenzaimpfung muss ein Vertragsarzt überlegen: Standard-, Indikations- oder Satzungsleistungspatient? Er muss Sprechstundenbedarfs- und Satzungsleitungsimpfstoff vorrätig halten, unter Umständen noch den Impfstoff für Privatpatienten und als Pädiater noch den Impfstoff für Kinder unter drei Jahren sowie den nasalen Grippeimpfstoff. Und wenn man in diesem Dickicht einen Fehler macht, dann droht ein Regress, der durch die Vergütung von 7,40 Euro pro Impfung kaum zu refinanzieren ist.

Rasch handeln

Es wird höchste Zeit, die Standardimpfung gegen Influenza auf alle Erwachsenen und auf die Kinder auszuweiten. Den Ärzten muss endlich die Freiheit zurückgegeben werden, wieder den therapeutisch besten Impfstoff verordnen zu können. Schließlich gilt es, die verwirrenden Regelungen beim Impfen aufzulösen. Eine bessere Vergütung für die Influenzaimpfung bei einem sehr hohen Aufklärungsaufwand wäre eine zusätzliche Maßnahme, die zu höheren Impfraten führen würde.

Wenn dies passiert, lässt sich der Kreislauf aus niedrigen Impfquoten und jährlichen Grippewellen durchbrechen. Influenza-Epidemien könnten wir dann an den Ort verbannen, wo sie hingehören: in die Geschichtsbücher.

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