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STANDPUNKT: Chancen und Risiken

21.03.2017 KVNO aktuell, Praxisinfos

Die neue Psychotherapie-Richtlinie kommentiert Barbara Lubisch. Die Aachener Diplom-Psychologin ist Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV), Mitglied der Vertreterversammlung (VV) der KV Nordrhein und seit März 2017 stellvertretende Vorsitzende der VV der KBV.

Die reformierte Richtlinie ist ein Kompromiss zwischen den Vorstellungen der Krankenkassen und den Forderungen der Ärzte und Psychotherapeuten. Die Reform verlangt von den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen Umstellungsbereitschaft, bietet aber auch Möglichkeiten, den Patientinnen und Patienten ein differenzierteres Behandlungsangebot zu machen und sich deutlicher als bisher an der niedrigschwelligen Versorgung psychisch erkrankter Menschen zu beteiligen. Allerdings blieb bis wenige Tage vor Inkrafttreten unklar, ob die Vergütung so ausgestaltet wird, dass die Psychotherapeuten die Leistungen überhaupt wirtschaftlich erbringen können.

Das Bild zeigt Dipl.-Psych. Barbara Lubisch.

Barbara Lubisch ist als psychologische Psychotherapeutin in Aachen tätig. Berufspolitisch ist sie unter anderem aktiv als Beisitzerin im Vorstand der Psychotherapeutenkammer NRW, als Vorsitzende der DPtV und Mitglied in der VV der KV Nordrhein.

Positiv für die Patienten – allerdings mit Aufwand für die Psychotherapeuten verbunden – sind die Verpflichtung der Praxen zur besseren Erreichbarkeit und ein schnellerer Zugang zu einem ersten Kontakt mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten. Nicht immer wird eine psychotherapeutische Behandlung nötig sein, es kann dann gegebenenfalls frühzeitig auf andere angemessene Angebote verwiesen werden, zum Beispiel im Beratungs- oder Selbsthilfebereich, auf andere Facharztgruppen oder stationäre Behandlung.

Positiv ist auch die Einführung einer Akutbehandlung zu sehen, mit der in dringenden Fällen unbürokratisch und zeitnah geholfen werden kann. Eine weitere Erleichterung ist die Verschlankung des Gutachterverfahrens mit der begutachtungsfreien Kurzzeittherapie, der Einsparung eines Bewilligungsschrittes und der Möglichkeit der Krankenkassen, bei Fortführung auf das Gutachterverfahren zu verzichten.

Die Zweiteilung der Kurzzeittherapie in Blöcke von je zwölf Sitzungen ist dagegen zusätzlicher bürokratischer Aufwand ohne fachliche Begründung und erscheint ebenso wie die Reduzierung des Umfangs der probatorischen Sitzungen Einsparungswünschen der Krankenkassen geschuldet.

Abrechnungsdaten zeigen, dass im Rahmen einer Kurzzeittherapie 65 Prozent aller Patienten mehr als 12 Sitzungen benötigen. Die fraktionierte Behandlungsplanung kann sich zudem schädlich auf den Therapieverlauf auswirken.

Die Regelungen für den Bereich der Gruppentherapien sehen deutliche Erleichterungen bei einer kombinierten Behandlung von Einzel- und Gruppentherapie vor, insgesamt fällt die Förderung der Gruppentherapie aber etwas mager aus.

Eine sachgerechte Umsetzung der Rezidivprophylaxe fehlt allerdings völlig, schon bisher war es möglich, das letzte Kontingent einer Psychotherapie niederfrequent zu gestalten.

Durch die Reform der Richtlinie entsteht keine größere Behandlungskapazität, diese dürfte sich aufgrund der neuen Leistungen sogar verringern. Es könnte dadurch zu einem neuen Flaschenhals und Wartezeiten auf einen Therapieplatz kommen. Die vom Gesetzgeber zeitgleich mit der Reform der Richtlinie vorgesehene Überprüfung der Bedarfsplanung „insbesondere mit Blick auf die psychotherapeutische Versorgung“ ist daher dringend anzumahnen.

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