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Neue Psychotherapie-Richtlinie gilt ab 1. April 2017: Versorgung neu strukturiert

30.03.2017 KVNO aktuell, Praxisinfos

Sprechstunden, Akutbehandlung, weniger Bewilligungsschritte: Die ambulante psychotherapeutische Versorgung wird neu strukturiert. Patienten sollen zeitnah einen Termin erhalten und das Versorgungsangebot flexibler werden. Die neue Richtlinie tritt am 1. April in Kraft, ebenso die geänderte Psychotherapie-Vereinbarung. Die wichtigsten Neuerungen haben wir für Sie zusammengefasst.

Psychotherapeutische Sprechstunde

In bis zu drei Gesprächen klärt der Psychotherapeut ab, ob ein Verdacht auf eine psychische Krankheit vorliegt, der Patient eine Richtlinienpsychotherapie benötigt oder ob ihm andere Unterstützungs- und Beratungsangebote (zum Beispiel eine Familienberatungsstelle) helfen können.

Das Angebot ist verpflichtend: Alle ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten, die eine Genehmigung zur Abrechnung von Richtlinienpsychotherapie haben, müssen ab April diese Sprechstunden anbieten. Dies gilt auch für Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie.

  • Umfang: Therapeuten haben pro Woche mindestens 100 Minuten für Sprechstunden zur Verfügung zu stellen, bei hälftigem Versorgungsauftrag 50 Minuten.
  • Weiterführende Behandlung: Sie muss nicht durch den Therapeuten erfolgen, der die Sprechstunde durchgeführt hat.
    Organisation: Sprechstunden können entweder als offene Sprechstunde oder als Sprechstunde mit Terminvergabe durchgeführt werden. Therapeuten entscheiden selbst, wie sie die Sprechstunde organisieren.
  • Mitteilung an die KVNO: Die KV Nordrhein wird alle Therapeuten in der zweiten März-Woche anschreiben und bitten, über ein Online-Formular mitzuteilen, ob sie eine Psychotherapeutische Sprechstunde mit oder ohne Terminvereinbarung anbieten.
  • Neue Formulare: Das Formular PTV 10 ist eine allgemeine Patienteninfo; der Psychotherapeut händigt sie dem Patienten in der Sprechstunde aus. Zudem erhält jeder Patient via PTV 11 einen Befundbericht mit Ergebnissen und Empfehlungen für das weitere Vorgehen.

Video zum Thema: Psychotherapeutische Sprechstunde und mehr

Die Bundespsychotherapeutenkammer stellt die „Praxis-Info Psychotherapie-Richtlinie“ auf ihrer Homepage als PDF-Dokument zur Verfügung.

Wenn die Regelungen zur Vergütung der neuen Leistungen feststehen, ist die Broschüre auch als Printversion bei der Geschäftsstelle erhältlich:

bestellungen@bptk.de

Akutbehandlung

Die Akutbehandlung soll zur Besserung akuter psychischer Krisen beitragen. Patienten, für die eine Akutbehandlung nicht ausreicht, sollen so stabilisiert werden, dass sie auf eine Psychotherapie vorbereitet sind oder ihnen andere Maßnahmen empfohlen werden können.

Die Akutbehandlung ist nicht genehmigungspflichtig, die Kasse muss aber via Formular PTV 12 informiert werden. Soll nach der Akutbehandlung eine Richtlinientherapie erfolgen, sind mindestens zwei probatorische Sitzungen nötig.

Probatorische Sitzungen

Vor Beginn einer Kurz- oder Langzeittherapie müssen probatorische Sitzungen durchgeführt werden: mindestens zwei, maximal vier bei Erwachsenen, maximal sechs bei Kindern und Jugendlichen. Ein Antrag auf Kurz- oder Langzeittherapie ist bereits nach der ersten probatorischen Sitzung möglich, wenn für die zweite Sitzung ein Termin vereinbart ist. Die restlichen probatorischen Sitzungen können bis zum Beginn der beantragten Therapie durchgeführt werden.

Kurzzeittherapie

Kurzzeittherapien umfassen bis zu 24 Therapieeinheiten. Die Beantragung erfolgt in zwei Schritten für jeweils ein Kontingent von 12 Therapieeinheiten. Kurzzeittherapien sind nicht mehr gutachterpflichtig, es sei denn, innerhalb der vergangenen zwei Jahre fand bereits eine Therapie statt oder die Krankenkasse fordert ein Gutachten an.

  • Antrag: Die Beantragung bei der Kasse erfolgt möglichst schon während der probatorischen Sitzungen. Der Patient füllt den Antrag (PTV 1) aus; der Therapeut reicht diesen zusammen mit seinen Angaben zu Erkrankung und geplanter Therapie (PTV 2) ein.
  • Bewilligung: Anträge gelten nach Ablauf einer Drei-Wochen-Frist auch ohne Bescheid als bewilligt. Im Regelfall erhält der Patient aber eine formlose Bewilligung von seiner Kasse. Die Formulare PTV 6, 7 und 9 fallen weg.
  • Umwandlung in Langzeittherapie: Eine Kurzzeittherapie kann in eine Langzeittherapie umgewandelt werden. Dies muss spätestens mit der achten Therapieeinheit erfolgen, in der Regel etwa vier bis fünf Wochen vor dem Ende der Kurzzeittherapie.

Langzeittherapie

Für die Langzeittherapie wurde das erste Sitzungskontingent für die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie erweitert. Es gibt zudem nur noch zwei Bewilligungsschritte: Mit dem Fortführungsantrag wird direkt das Höchstkontingent beantragt.

Der erste Bewilligungsschritt bleibt antrags- und gutachterpflichtig. Dem Antrag ist ein verschlossener Umschlag für den Gutachter (PTV 8) beizufügen. Ob Anträge auf Fortführung der Psychotherapie gutachterpflichtig sind, liegt im Ermessen der Krankenkassen. Wenn ja, fordert die Kasse unverzüglich vom Therapeuten einen Bericht an den Gutachter an.

Rezidivprophylaxe

Nach Ende einer Langzeittherapie ist eine Rezidivprophylaxe möglich, die mit niederfrequenter therapeutischer Arbeit zur Stabilisierung beitragen und Rückfälle verhindern soll. Dafür werden sogenannte Reststunden genutzt, also vom bewilligten Langzeittherapiekontingent verbliebene Stunden. Die Rezidivprophylaxe ist bis zu zwei Jahre nach Abschluss der Langzeittherapie möglich.

Gruppentherapie

Gruppentherapien können immer dann eingesetzt werden, wenn sie förderlich für das prognostizierte Behandlungsergebnis sind. Sie gelten als gleichwertige, bei der Indikationsstellung zu berücksichtigende Anwendungsform. Die Gruppengröße hat der Gemeinsame Bundesausschuss in allen Verfahren auf drei bis neun Personen festgesetzt.

Bei der Beantragung einer Therapie kreuzt der Therapeut auf dem PTV 2 an, ob ausschließlich Einzel- oder Gruppentherapie oder eine Kombinationsbehandlung vorgesehen ist. Bei einer Kombinationsbehandlung gibt er an, ob die Einzel- oder Gruppentherapie überwiegend durchgeführt wird und ob eventuell zwei Therapeuten die Behandlung übernehmen.

Telefonische Erreichbarkeit

Psychotherapeuten müssen organisieren, dass ihre Praxis vor allem für eine Terminkoordination telefonisch erreichbar ist, und zwar

  • 200 Minuten/Woche bei vollem Versorgungsauftrag,
  • 100 Minuten/Woche bei hälftigem Versorgungsauftrag.

Therapeuten müssen der KV mitteilen, zu welchen Zeiten sie die Erreichbarkeit anbieten. Die KV Nordrhein wird alle Therapeuten in der zweiten März-Woche anschreiben und bitten, diese Zeiten über ein Online-Formular mitzuteilen.

Die Zeiten sollten auch auf dem Anrufbeantworter der Praxis angegeben werden. Die Krankenkassen erhalten diese Zeiten von der KV, um ihre Versicherten zu informieren.

Wie Therapeuten die telefonische Erreichbarkeit organisieren, ist ihnen freigestellt. So kann ein Praxismitarbeiter den Dienst übernehmen oder das Telefon umgeleitet werden. Entscheidend ist, dass jemand den Anruf persönlich entgegennimmt.

Kinder und Jugendliche

Alle Regelungen gelten auch für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Doch es gibt einige spezifische Besonderheiten und Neuerungen:

  • Soziales Umfeld: Neu ist, dass künftig „relevante Bezugspersonen aus dem sozialen Umfeld“ in die Behandlung einbezogen werden können. Damit sind zum Beispiel neben den Eltern auch Lehrer oder Erzieher gemeint.
  • Altersgrenzen: Nach der Richtlinie sind Kinder Personen, die noch nicht 14 Jahre alt sind; Jugendliche sind Personen, die 14, aber noch nicht 21 Jahre alt sind. Eine Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie muss nicht mit dem 21. Geburtstag enden. Sie kann fortgeführt werden, wenn sie dem Therapieerfolg dient.

Übergangsregelung

Für Psychotherapien, die vor dem 1. April 2017 beantragt wurden, gelten die alte Psychotherapie-Richtlinie und die alte Psychotherapie-Vereinbarung weiter. Die neuen Vorgaben gelten für diese Psychotherapien nur dann, wenn der Therapeut eine Kurzzeittherapie in eine Langzeittherapie umwandeln oder eine Langzeittherapie verlängern möchte.

KBV/Frank Naundorf

Die neuen PTV-Formulare

Alle PTV-Formulare wurden angepasst, sie gelten ab 1. April 2017. Gleich bleiben nur die Überweisung an einen Vertragsarzt zur Abklärung somatischer Ursachen vor Aufnahme einer Psychotherapie (Muster 7) und der Konsiliarbericht (Muster 22). Formulare, die Therapeuten vorhalten müssen, sind in der Übersicht gefettet und über den Formularversand der KV Nordrhein erhältlich. Alle Formulare sind ab April in der Praxissoftware hinterlegt.

PTV 1 (B) Antrag des Versicherten auf Psychotherapie
PTV 2 (B) Angaben des Therapeuten zum Antrag des Versicherten
PTV 3 Leitfaden für den Therapeuten zur Erstellung des Berichts an den Gutachter
PTV 4 Auftrag der Krankenkasse zur Begutachtung/Ausstellung nur durch die Krankenkasse
PTV 5 Stellungnahme des Gutachters (in der Regel vorausgefüllt von der Krankenkasse)
PTV 8 Briefumschlag zur Weiterleitung der Unterlagen an den Gutachter/Versand des Berichts gemäß PTV 3 durch den Therapeuten
PTV 10 Allgemeine Patienteninformation (im Rahmen der Psychotherapeutischen Sprechstunde)
PTV 11 (B) Individuelle Patienteninformation (am Ende der Psychotherapeutischen Sprechstunde)
PTV 12 (B) Anzeige der Akutbehandlung oder der Beendigung einer Psychotherapie

(B) Blankoformularbedruckung möglich

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