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Interview mit dem neuen Vorstand: „Den Arztberuf attraktiver machen“

30.01.2017 KVNO aktuell

Nach drei Wochen im neuen Amt haben sich Vorstandsvorsitzender Dr. med. Frank Bergmann und der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Dr. med. Carsten König erstmals zu ihrer neuen Aufgabe, ihrem Eindruck von der KV und ihren Plänen geäußert. KVNO aktuell war dabei.

Wie ist Ihr Start im neuen Amt verlaufen – haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Bergmann: Der Start ist geglückt. Ich hatte keine speziellen Erwartungen und keine vorgefertigte Meinung. Als bisheriger Vorsitzender der Vertreterversammlung kannte ich die Herren Dr. Potthoff und Brautmeier und ihre Arbeit – dennoch ist es etwas völlig anderes, sich selbst den Aufgaben als Vorstand zu stellen. Inzwischen habe ich das Haus kennengelernt und bin auf sehr professionelle Strukturen gestoßen.

König: Es macht Freude, die Stimmung ist sehr gut. Erfreulich ist auch die jüngste Entwicklung der internen Organisationsstruktur der KV, die ich bisher nicht wirklich wahrgenommen habe. Es ist klar zu erkennen, dass sich die KV für die Mitglieder, aber auch für die Bürger zunehmend professionalisiert. Für mich persönlich bedeutet das Amt auch, viele Tätigkeiten nicht mehr im bisherigen Umfang ausüben zu können – vor allem die Weiterführung meiner Praxis.

Das Bild zeigt Dr. med. Frank Bergmann; Foto: Hanne Engwald

„20.000 KV-Mitglieder in Nordrhein erwarten, dass wir die Distanz zur Vergütung in anderen Regionen verringern – das ist für mich Auftrag und Verpflichtung.“ Dr. med. Frank Bergmann

Sie haben sich zu Beginn gleich positionieren müssen, zumindest zur Bilanz der im Januar 2016 gestarteten Termin-Servicestellen. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Bergmann: Ich sehe die Termin-Servicestellen, die mit viel Druck seitens der Politik von den KVen aufgebaut werden mussten, kritisch. Die Bilanz zeigt 10.000 vermittelte Facharzttermine in Nordrhein, aber es sind auch etwa 1.500 Termine nicht wahrgenommen worden. Es ist ein Blind Date für Patienten, die sonst großen Wert auf freie Arztwahl legen – daran krankt das Instrument.

König: Die Termin-Servicestellen sind ein Ärgernis. Hier werden ohne Not Versichertengelder verschwendet. In Großstädten haben wir dank großer vernetzter Facharztgruppen fast überhaupt kein Terminproblem. Im ländlichen Bereich sieht die Situation etwas anders aus – aber dem speziellen Bedarf wird mit den Servicestellen gar nicht Rechnung getragen. Wir können und müssen vorhandene Wartezeitprobleme innerärztlich lösen.

Glauben Sie an ein baldiges Aus für die Servicestellen?

Bergmann: Ich gehe nicht davon aus, dass die Servicestellen bald wieder abgeschafft werden, zumal ab April noch die Vermittlung von Erstgesprächen bei Psychotherapeuten hinzukommt. Die Politik hat sich einen schlanken Fuß gemacht und eine Schmerztablette verabreicht, die nicht nachhaltig wirkt. Die Frage ist: Was hilft den Patienten wirklich? Wir brauchen sicher intelligentere Lösungen, um die Versorgung zu managen. Die qualifizierte Patientenberatung kann ein Baustein sein, genauso wie DMP, Telemedizin oder Projekte der sektorenübergreifenden Versorgung. Ich verweise auf unser Projekt zur koordinierten Versorgung von Patienten mit psychischen und neurologischen Erkrankungen, das vom Innovationsfond gefördert wird.

König: Es ist richtig, dass wir die Beratung und Steuerung der Patienten ausbauen müssen. Wir haben viel zu viele Termine ohne eine entsprechende Indikation, auch die Anspruchshaltung ist ein Riesenproblem, ich nenne nur das Thema bildgebende Verfahren. Da muss sich das Verhalten ändern – von Patienten, aber auch von manchen Ärzten.

Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie?

Bergmann: In direktem Zusammenhang mit dem Management der Versorgung steht die Frage, wie wir die ambulante Versorgung sicherstellen. Wir laufen in größere Versorgungsprobleme hinein und müssen Nachwuchs gewinnen – nicht nur im hausärztlichen Bereich, sondern auch bei Chirurgen zum Beispiel. Wir müssen die Bedingungen für die Niederlassung so attraktiv wie möglich machen …

König: … auch bei der Vergütung, die ein wesentlicher Bestandteil der Attraktivität des Arztberufes ist. Ich kann mir vorstellen, dass wir künftig regionale Unterschiede brauchen und dass jemand, der sich in einer strukturschwachen Region engagiert, dafür auch finanziell bessergestellt wird. Auch die Vermeidung von Regressen gehört dazu.

Das Bild zeigt Dr. med. Carsten König; Foto: Hanne Engwald

„Die Idee vom Wettbewerb der Krankenkassen hat katastrophale Folgen, denn sie produziert unsinnige Leistungen und Angebote.“ Dr. med Carsten König

Apropos Vergütung: Die Honorarverhandlungen stehen an, und mit ihnen das Thema Konvergenz. Wie gehen Sie das an?

Bergmann: Ein erster Fahrplan ist noch vom vorherigen Vorstand entwickelt worden. Beim Thema Konvergenz erwarten 20.000 KV-Mitglieder in Nordrhein, dass wir die Distanz zur Vergütung in anderen Regionen verringern – das ist für mich Auftrag und Verpflichtung. Die Attraktivität des Arztberufes in Nordrhein leidet darunter, dass wir lange am Ende der Tabelle bei der Vergütung standen. Das muss sich ändern.

König: Wir müssen das Thema Honorar mit dem Thema Sicherstellung verknüpfen. Die aktuelle Situation drückt die Kollegen in den Praxen sehr, denn wir übernehmen immer mehr Leistungen aus den Kliniken, weil wir Patienten nach Eingriffen immer früher übernehmen und Leistungen erbringen, die wir gar nicht abrechnen können. Als Beispiel nenne ich die Ernährungsberatung bei Patienten nach einer Gallenblasen-Operation. Das Problem ist: Das Geld folgt nicht der Leistung. Wenn Politik und Krankenkassen eine „Ambulantisierung“ wollen, müssen sie auch die Strukturen dafür schaffen.

Welche Botschaft richten Sie an die Politik?

Bergmann: Die Politik muss den unsinnigen Wettbewerb unter den Krankenkassen beenden. Wir haben es in der medizinischen Versorgung nicht mit einer Marktwirtschaft zu tun.

König: Die Idee vom Wettbewerb der Krankenkassen hat katastrophale Folgen, denn sie produziert unsinnige Leistungen und Angebote, die unnötig Geld kosten – Geld, das bei der ambulanten Basisversorgung fehlt.

Dr. Heiko Schmitz hat das Gespräch aufgezeichnet.