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Neuer Vertrag, Landesinitiative und Innovationsfonds-Projekt: Rheinland vs. Antibiotika-Resistenzen

30.01.2017 KVNO aktuell, Verträge

Antibiotika sind seit einem Jahrhundert die wirksamste Waffe gegen bakterielle Erkrankungen. Doch die Waffe droht abzustumpfen: Immer mehr Bakterien bilden Resistenzen, während kaum noch neue Antibiotika verfügbar werden. Um den Prozess der Bildung von Resistenzen zu verlangsamen, ist es wichtig, Antibiotika nur dort einzusetzen, wo sie wirklich nötig sind. Die KV Nordrhein unterstützt eine entsprechende Initiative des Landesgesundheitsministeriums in Nordrhein-Westfalen, hat einen Vertrag mit dem BKK-Landesverband Nordwest geschlossen und zuletzt den Zuschlag für ein Projekt des Innovationsfonds erhalten.

Der Vertrag der KV Nordrhein mit dem BKK-Landesverband Nordwest startete bereits am 1. Januar (wir berichteten). Im Kern geht es darum, erst zu testen, ob eine bakterielle Infektion vorliegt – und nur dann gezielt Antibiotika zu verordnen. Die Betriebskrankenkassen (BKKen) übernehmen bei Praxen in den Kreisstellen Duisburg und Essen für ihre Versicherten die Kosten für die Antigen-Schnelltests und Antibiogramme.

An dem Vertrag können Ärzte aller Fachgruppen aus Duisburg und Essen teilnehmen, insgesamt sind das rund 2.000. Ein Teilnahmeantrag ist nicht erforderlich, die Abrechnung der mit „Z“ gekennzeichneten Gebührenordnungspositionen (GOP) reicht.

Das Bild zeigt einen Test auf Bakterien; Foto: jarun011, Fotolia

Mit Antigen-Schnelltests und Antibiogrammen stellen Praxen fest, ob der Einsatz von Antibiotika geboten ist und welche wirken.

Erst testen

Im Fokus stehen Antibiotika-Behandlungen bei einer Infektion mit Streptokokken der Serogruppe A, Harnwegs- oder Wundinfektionen. Vor einer Antibiotika-Gabe sollen teilnehmende Praxen Schnelltests bei Verdacht auf eine Rachenentzündung durchführen, bei Harnwegs- und Wundinfektionen sollen Antibiogramme die Antibiotika-Gabe absichern. Praxen können das Antibiogramm mit den GOP 32766Z (5,40 Euro) oder gegebenenfalls 32767Z (8,90 Euro) abrechnen.

Bei dem Verdacht auf eine Streptokokken-Infektion der Serogruppe A können nur Hausärzte, Pädiater und HNO-Ärzte die Z-Ziffern ansetzen. Wenn die Symptome darauf deuten, dass ein Patient sich mit Streptokokken der Serogruppe A infiziert hat, sollten sie einen Antigen-Schnelltest und/oder eine mikrobiologische Untersuchung vornehmen, und nur bei Bestätigung der Verdachtsdiagnose eine antibiotische Behandlung durchführen. Abrechnen können sie die Leistung mit der EBM-Ziffer 32152Z (2,55 Euro).

Zusätzlich erhalten Praxen einmal je Behandlungsfall extrabudgetär eine Pauschale in Höhe von 10 Euro. Hierfür ist die Symbolnummer 91990 einzutragen. HNO-Arzt Dr. med. Jörg Lutz hat in seiner Praxis am Essener Grillo-Theater bereits ein paar Antigen-Schnelltests durchgeführt. „Der Test umfasst nur Streptokokken-A-Infektionen und somit nur einen sehr kleinen Teil der möglichen bakteriellen Infektionen im Rachenbereich. Daher werden die Möglichkeiten, hier Geld für Antibiotika einzusparen, eher sehr gering sein.“ Er rechnet damit, dass er etwa zehn BKK-Patienten pro Monat hat, bei denen er den Schnelltest anwendet. „Da das Ergebnis bereits nach zehn bis fünfzehn Minuten vorliegt, lässt sich der Test schon in den Praxisbetrieb einbauen – aber auch das bedeutet zusätzlichen Aufwand.“

Der Vertrag sieht nämlich auch vor, dass der Arzt den Patienten berät und aufklärt. Damit das gut funktioniert, haben der BKK-Landesverband und die KV Nordrhein zur Unterstützung eine Patienten-Information erstellt. Diese versendet auf Anfrage der Formularversand in Krefeld. Sie ist auch abrufbar unter kvno.de

Innovationsfonds-Projekt

Das Ziel, Resistenzen durch den adäquaten Einsatz von Antibiotika zu reduzieren, verfolgt ein Projekt, das mit Mitteln des Innovationsfonds gefördert wird. Im Fokus steht der leitliniengerechte Einsatz besonders von Breitbandantibiotika bei Atemwegsinfektionen der oberen und unteren Atemwege (ARTI).

In dem Projekt arbeiten der Verband der Ersatzkassen (vdek) mit seinen Mitgliedskassen, die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und elf Kassenärztliche Vereinigungen zusammen – darunter auch die KV Nordrhein. Die Projektpartner setzen auf eine bessere Arzt-Patienten-Kommunikation und die gemeinsame Entscheidungsfindung.

„Mit dem Projekt RESIST wollen die Beteiligten zu einer verlässlichen und sicheren Versorgung mit hochwirksamen Arzneimitteln beitragen und zugleich vermeidbare Neben- und Wechselwirkungen verhindern“, sagte die vdek-Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner. Das Projekt wird mit rund 14 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds gefördert.

Hausärzte, Pädiater und HNO-Ärzte

Aus den elf teilnehmenden KV-Regionen können rund 3.000 Hausärzte, Pädiater und HNO-Ärzte teilnehmen, aus Nordrhein sollen es rund 500 sein. Über die Details informieren die KVen in Kürze.

Voraussetzung für die Teilnahme wird eine Online-Schulung sein, die die KBV gerade vorbereitet. Die Schulung fokussiert auf eine verbesserte Arzt-Patienten-Kommunikation sowie Grundlagen der rationalen und leitliniengerechten Antibiotikatherapie bei Atemwegserkrankungen. Für den Einsatz im Praxisalltag erhalten teilnehmende Praxen anschließend Poster und Flyer für Patienten, die die intensivierte Beratung der Patienten unterstützen sollen.

Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation übernimmt das Institut für Allgemeinmedizin der Universität Rostock in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut der kassenärztlichen Versorgung. Erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation sollen Ende 2019 vorliegen.

Frank Naundorf

Um Bevölkerung und Ärzteschaft von einem sparsamen Umgang mit Antibiotika zu überzeugen, haben das Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen und die KV Nordrhein und Westfalen-Lippe bereits 2015 eine Kampagne gestartet, um den Antibiotika-Verbrauch zu reduzieren.

Hintergrund ist die zunehmende Ausbreitung resistenter Bakterien. Plakate und Broschüren für das Wartezimmer erhalten Praxen kostenlos. Sie können sie im Broschüren-Service des Landesgesundheitsministeriums NRW anfordern.

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