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Cannabis künftig auf Rezept

Cannabis können gesetzlich Versicherte künftig bei bestimmten Indikationen auf Rezept erhalten. Der Bundestag hat am 19. Januar 2017 die entsprechenden Gesetzesänderungen verabschiedet. Das Gesetz trat am 10. März 2017 in Kraft.

Cannabis zu medizinischen Zwecken aus staatlich kontrolliertem Anbau wird künftig zusätzlich als verkehrs- und verschreibungsfähig im Betäubungsmittelgesetz eingestuft. Bisher galt dies nur für Cannabis, der in Zubereitungen als Fertigarzneimittel zugelassen war.

Eine Cannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) soll den Einkauf ausländischer Produkte sowie den Anbau inländischen Cannabis organisieren und überwachen. Cannabisblüten zu medizinischen Zwecken können Apotheken ausschließlich nach ärztlicher Verordnung abgeben. Die Höchstmenge je 30 Tage beträgt 100 g getrocknete Blüten. Krankenkassen müssen die Kosten im Regelfall erstatten.

Die gesetzliche Neuregelung schafft für Versicherte in eng begrenzten Ausnahmefällen einen Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten. Das gilt aber nur für solchen Cannabis in Form von getrockneten Blüten, der die betäubungsmittelrechtlichen sowie arzneimittel- und apothekenrechtlichen Anforderungen erfüllt und ärztlich verordnet wurde. Auch in Deutschland zugelassene Fertigarzneimittel (zum Beispiel Sativex) fallen unter diese Regelung. In denselben begrenzten Ausnahmefällen sollen Versicherte zudem einen Anspruch auf Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon (Canemes) erhalten.

Eine Verordnung von Medizinalhanf und den oben genannten Fertigarzneimitteln ist künftig möglich für Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung (zum Beispiel starken chronischen Schmerzen), wenn

  • eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung des behandelnden Vertragsarztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes des Versicherten nicht zur Anwendung kommen kann,
  • eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht.

Die ersten Verordnungen muss die Krankenkasse vor Therapiebeginn genehmigen; die Kasse darf sie nur in begründeten Ausnahmefällen ablehnen. Im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung Palliativversorgung (SAPV) muss über den Antrag innerhalb von drei Tagen entschieden werden. Der behandelnde Arzt übermittelt Daten im Rahmen einer nichtinterventionellen Begleiterhebung in anonymisierter Form an das BfArM, das nach fünf Jahren für den Gemeinsamen Bundesausschuss einen Bericht erstellt. Der Umfang der Daten wird durch Rechtsverordnung festgelegt. Wer für die Vergütung der Ärzte aufkommen soll, ist noch offen. Die KBV fordert eine eindeutige Regelung, ob die gesetzliche Krankenversicherung oder gegebenenfalls der Bund als Projektträger der Begleiterhebung für die Vergütung der Ärzte verantwortlich ist.

Welche Möglichkeiten gibt es bisher, Cannabis zu verordnen?

Cannabis-Zubereitungen können als Fertigarzneimittel in der zugelassenen Indikation zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Sativex-Spray (Cannabisextrakt) ist zugelassen zur Zusatzbehandlung von Spastiken bei MS-Patienten, Canemes (Nabilon) ist zugelassen für die Behandlung von chemotherapiebedingter Emesis und Nausea bei jenen Krebs-Patienten, die auf andere antiemetische Behandlungen nicht adäquat ansprechen.

Die Grafik zeigt getrocknete Cannbis-Blüten.

In bestimmten Fällen können Ärzte nun auch getrocknete Cannabisblüten verordnen.

Ferner ist es möglich, Dronabinol als Rezeptur zu verordnen. Dronabinol ist als Marinol in den USA zugelassen zur Behandlung von Anorexie und Kachexie bei AIDS und als Antiemetikum im Rahmen einer Krebstherapie. Da es in Deutschland keine Zulassung für das Arzneimittel gibt, muss die Behandlung mit der „off-label“-Rezeptur im Vorfeld durch die Krankenkasse genehmigt werden.

In Einzelfällen konnten Patienten eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Medizinal-Cannabis zum Zweck der ärztlich begleiteten Selbsttherapie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beantragen. Derzeit haben 647 Patienten eine Ausnahmeerlaubnis. Nach Auskunft des BfArM verlieren die Ausnahmegenehmigungen innerhalb von drei Monaten nach Inkraft-Treten des Änderungsgesetzes ihre Gültigkeit. Derzeit wird von der Beantragung einer neuen Ausnahmegenehmigung abgeraten, weil die Genehmigung länger dauert, als die Umsetzung des Gesetzesentwurfs.

Dr. Holger Neye