Viersen: Ärzte knüpfen Qualitäts-Netz
Auch das Land tappt in die Demografie-Falle. Wo einst junge Familien preiswerten
Grund bebauten, steigt heute die Zahl der Single-Haushalte genau wie in den Städten. „In
Brüggen leben 37 Prozent der Menschen allein“, berichtet der Allgemeinmediziner
Dr. Johann Heinrich Arens. Darunter immer mehr Alte. Folge: Der medizinische
Versorgungsbedarf steigt. Um den daraus resultierenden Problemen Herr zu werden,
arbeiten in Viersen Ärzte aus Klinik und Praxis Hand in Hand.
 | Der Startschuss fiel am 1. Juni 2004 |
Der Startschuss fiel am 1. Juni 2004. Damals beschlossen die Mitglieder des
Gesundheitsnetz Viersen (GNV), ein Sektor übergreifendes Qualitätsmanagement
nach DIN EN ISO 9001:2000 einzuführen. Neu daran: Niedergelassene
und Krankenhäuser arbeiten nach den gleichen, abgestimmten Normen. „Damit
haben wir ein Instrument, das die Versorgungsebenen und Behandlungsprozesse
tatsächlich verzahnt und nicht wieder eine sektorspezifische Lösung“,
sagt Dr. Arens, Sprecher des GNV-Vorstands.
Insgesamt 180 Menschen nehmen an dem Qualitätsmanagement-Projekt teil.
Darunter 25 Ärzte aus dem GNV und jeweils zehn Internisten aus dem Allgemeinen
Krankenhaus Viersen (AKH) sowie dem Städtischen Krankenhaus Nettetal.
Dazu kommen 135 Pflegekräfte und Arzthelferinnen.
Die teilnehmenden Ärzte haben ein umfangreiches Programm absolviert.
Es begann mit zwei Klausur-Wochenenden: Da wurde zuerst die ISO-Norm durchgearbeitet,
schließlich wesentliche Inhalte der Evidence based Medicine vermittelt. „Wir
haben dabei gelernt, uns einer gemeinsamen Idee unterzuordnen“, berichtet
Arens.
 | Gegenseitige Besuche schaffen Transparenz |
Inzwischen ist die Analyse des Ist-Zustands in den Praxen abgeschlossen. Die durch die ISO-Norm vorgegebenen umfangreichen Beschreibungen sind in das Intranet eingestellt, auf das die Teilnehmer Zugriff haben. Es herrscht Transparenz. Diese wird zusätzlich gefördert durch das Visitations-Programm „Wir gehen in die Praxen und schauen uns die Abläufe genau an. Umgekehrt kommen die Niedergelassenen Kollegen zu uns in die Klinik, um unsere Arbeitsweisen kennen zu lernen“, sagt Dr. Falk Rüdiger Althoff, Ärztlicher Direktor am AKH. Die Niedergelassenen besuchen zudem den Kollegen einer „Patenpraxis“. Einen halben Tag dauert die Visitation jeweils.
In den kommenden Schritten sollen laut Arens gemeinsame Qualitäts-Standards
entstehen. Zum Beispiel wird genau festgelegt, welche Medikamente Patienten
mit Koronarer Herzkrankheit erhalten. „Und wer sich nicht an die gemeinsamen
Leitlinien hält, hat mit Sanktionen zu rechnen“, sagt der 50jährige.
Gemeinsame Verfahrensweisen entwickeln die Projektteilnehmer zudem für
die Behandlung von Hypertonie und Diabetes. Anweisungen für weitere chronische
Krankheiten sollen folgen.
 | KV Nordrhein Consult hilft beim Projektmanagement |
Um den komplexen Prozess zu bewältigen, haben sich die Viersener Mediziner
Unterstützung geholt. Das Schulungs-Konzept stammt von Prof. Marcus Siebolds
von der Katholischen Fachhochschule NRW in Köln. Beim Projektmanagement
wirkt die KV Nordrhein Consult mit.
Auch die Helferinnen sind in das Programm eingebunden. Anna Prudlo, Helferin
in der Gemeinschafts-Praxis Brüggen: „Wer Abläufe kennt, kann
sie leichter ändern.“ So etwa bei der Befund-Übermittlung. „Angaben über
Diagnose und Medikation nach einem Krankenhaus-Aufenthalt sollten nun immer
vorliegen.“ Und wenn weitere Informationen benötigt würden,
könnten die rasch beschafft werden. Prudlo: „Ich kenne jetzt ja
die richtigen Ansprechpartner.“

Aktivposten in Sachen Qualitätsmanagement: Anna Prudlo
und Dr. Johann Heinrich Arens. Foto: KVNO
Der Aufwand für das Projekt ist groß. Rund 2.000 Euro dürfte
das Qualitätsmanagement jede der beteiligten Praxen kosten, schätzt
Arens. Dazu kommen noch einmal etwa 1.000 Euro für die Zertifizierung.
Nicht gerechnet die Arbeitsstunden für Praxisinhaber und Mitarbeiter. „Da
kann leicht noch mal das Doppelte dazu kommen“, fürchtet Arens.
Möglichst bald sollten die 120.000 Menschen im Einzugbereich des Netzes
von der Verzahnung profitieren. Die Vorteile sollen gemessen werden. „Wir
werden zum Beispiel erfassen, ob die Zahl der Koronarangiographien zurückgeht“,
erklärt Arens. Künftig würden zudem Pharm Pro-Daten erhoben,
um zu sehen, wie sich das Verordnungsverhalten verändere. Mit entsprechenden
Zahlen im Rücken dürften dann auch Verhandlungen über Verträge,
etwa im Bereich der Integrierten Versorgung leichter zu führen sein. Arens: „Auch
hier werden wir auf die Unterstützung der KV Nordrhein Consult zurückgreifen.“
nau
 | Gesundheitsnetz Viersen |
Das Gesundheitsnetz Viersen (GNV) wurde 1999 als Aktiengesellschaft von 20 Ärzten
gegründet. Es hat derzeit 52 Mitglieder, mit steigender Tendenz. Das Netz
ist aktiv: Es managt unter anderem die Notdienst-Praxis, organisiert Qualitätszirkel
und entwickelt strukturierte Behandlungskonzepte zur Hypertonie sowie zum chronischen
Rückenschmerz. Außerdem hat der Aufbau eines Medizinischen Versorgungszentrums
begonnen.
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Zur Homepage des GNV |
Mit dem GNV kooperieren die regionalen Krankenhäuser.
Innerhalb eines Rahmenvertrags zwischen Netz und Kliniken operieren zehn Ärzte
im Krankenhaus. Auch mit Pflegediensten und der lokalen Selbsthilfe arbeitet
das Netz zusammen. Das GNV konzentriert sich auf den Westkreis Viersens, das heißt die Orte
Brüggen, Dülken, Grefrath, Schwalmtal, Niederkrüchten und die
Stadt Viersen. Ausführliche Informationen beinhaltet die Homepage des
Netzes.
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