Ziel: weniger Dienste, mehr Wirtschaftlichkeit – Neues Notdienst-Konzept auf dem Weg
12.12.2012 KVNO aktuellFür Sie interessant ...
Nach intensiver Debatte hat die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein beschlossen, den ärztlichen Notdienst in Nordrhein neu zu gestalten. Die Zahl der Dienste soll sinken – vor allem für Ärzte auf dem Land.
So wie er ist, wollen ihn die meisten nicht mehr. Deswegen erteilte die Vertreterversammlung der KV Nordrhein vor einem Jahr den Auftrag, ein Konzept für einen besseren Notdienst zu erarbeiten. Besser, das heißt vor allem, homogener. Die Unterschiede im Rheinland sind groß. Das betrifft die Strukturen, die Dienstbelastungen und die Abgaben, die ein Arzt oder eine Ärztin für den Notdienst zahlen muss.
Zahlen zum Notdienst
- 1,3 Millionen Behandlungsfälle im Notdienst pro Jahr.
- 45 Millionen Euro erhielten Niedergelassene für Leistungen im Notdienst.
- 32 Millionen betrug das Honorar der Krankenhausambu-
lanzen in 2011. - 130 Notdienstbezirke gibt es derzeit.
- 78 Notfallpraxen stehen im Rheinland bereit.
Landärzte benachteiligt
Generell gilt derzeit: Wer auf dem Lande praktiziert, der muss häufiger ran und die Versorgung außerhalb der Sprechstundenzeiten sicherstellen. Auch dies ist ein Grund, warum Nachwuchs-Vertragsärzte die Niederlassung auf dem Lande scheuen. "Einige potenzielle Praxis-Nachfolger wollen nur übernehmen, wenn sie keinen Dienst machen müssen", berichtete Dr. Andreas Marian, Hausarzt in Blankenheim in der Eifel.
Dass aber auch in den Städten nicht alles zum Besten bestellt ist, war Konsens auf der Versammlung. In Köln beispielsweise gibt es zehn Bezirke bzw. Notdienstpraxen. "Die Kolleginnen und Kollegen zahlen zwischen 40 und 200 Euro monatlich für die Notdienst-Strukturen", sagte Dr. Guido Marx, Hausarzt aus der Domstadt.
Dr. Ludger Wollring wies auf die sehr unterschiedliche, oft ungerechte Dienst-Belastung der Kollegen im Notdienst hin. "Wir haben historisch gewachsene Strukturen – aber nicht alles, was historisch gewachsen ist, ist gut", so der Augenarzt aus Essen. Die Umsätze lagen teils bei unter zwei Euro pro Stunde, ein wirtschaftliches Fiasko.
Bunt wie ein Flickenteppich war die erste Folie, die Dr. Peter Potthoff auflegte. Kein Wunder, denn sie zeigte die 130 Notdienstbezirke Nordrhein. Und darin lebt die Vielfalt: Kombinierte Sitz- und Fahrdienste aus der eigenen Praxis oder aus Notdienstpraxen, getrennte Sitz- und Fahrdienste aus eigenen Praxen oder aus Notdienstpraxen und Kombinationen der Varianten existierten. Die Fahrdienste wiederum würden teils mit eigenen PKW, teils mit Partnern durchgeführt usw.
Welche Variante auch immer praktiziert würde, die Belastungen im ländlichen Bereich seien hoch: Zu jeweils 15 Fahr- und 15 Sitzdiensten im Jahr würden zum Beispiel die Hausärzte in Kleve eingeteilt. Und die Augenärzte dort seien mit 33 Diensten jährlich konfrontiert. Ein unhaltbarer Zustand.
Maximal acht Bezirke

Neue Notdienstbezirke
Statt 130 Notdienstbezirke soll es künftig maximal sieben oder acht geben. Die Karte zeigt eine mögliche Aufteilung in acht Bezirke.
Um diesen zu verbessern, schlug der Vorstandsvorsitzende der KV Nordrhein vor:
- sieben bis acht etwa gleich große Notdienstbezirke einzuführen, in denen jeweils mehr als eine Million Menschen leben
- Sitz- und Fahrdienst zu trennen
- einheitliche Öffnungszeiten aller nordrheinischen Notdienstpraxen.
Die Vorteile dieser Maßnahme: höhere Fallzahlen und bessere Möglichkeiten, die Fahrdienste optimal zuzuweisen und eine geringere Dienstfrequenz. Selbst bei acht Bezirken würde ein Arzt zu höchstens drei Fahrdiensten und maximal acht Sitzdiensten pro Jahr eingeteilt, stellte Potthoff dar. Die Unterstützung durch Fahrer und Fahrzeuge im Fahrdienst für die einzelnen Bezirke müsse ausgeschrieben werden; an dieser Ausschreibung könnten sich alle professionellen Anbieter beteiligen.
Neuerungen bei Notdienstpraxen
Die Notdienstpraxen spielen eine wichtige Rolle im Konzept: Sie sollen unter dem Aspekt der Versorgung, aber auch unter wirtschaftlichen Aspekten überprüft werden. Voraussichtlich werden auch neue Notdienstpraxen gegründet.
Die Vertreterversammlung erteilte dem Vorstand den Auftrag, in Abstimmung mit der Ärztekammer eine neue Notdienstordnung zu erarbeiten. Die Mehrheit von 25 Delegierten votierte für den Antrag des Vorstands, der Eckpunkte der Neugestaltung definiert, 17 Vertreter stimmten dagegen.
Einheitliche Umlage
Änderungen soll es auch bei der Finanzierung geben. Derzeit würden die Kosten für die Notdienstpraxis vor Ort und unter Umständen den Fahrdienst-Anbieter vor Ort auf die beteiligten Ärzte umgelegt. Stattdessen solle es eine einheitliche Umlage geben. Natürlich wollten die Vertreter wissen, wie hoch diese sei. Doch für konkrete Angaben gibt es noch zu viele Unbekannte. In Westfalen-Lippe liegt sie bei 135 Euro im Monat - das könnte eine grobe Orientierung sein.
Intensiv diskutierten die Delegierten den Vorschlag des Vorstands. Tenor der Debatte: Das historisch gewachsene System hat viele Mängel, aber auch ein paar gute Seiten, die es zu erhalten gelte. Deswegen sollten die Organisatoren des Notdienstes in die Planung einbezogen werden. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Leistungen im Notdienst sollten nicht ausgeweitet werden. "Das was wir nachts und am Wochenende verdienen, bekommen wir in der Woche von der Regelversorgung abgezogen", erklärte Wollring. Konsens in den Wortbeiträgen war auch, dass die Abgaben im Schnitt nicht noch höher ausfallen sollten als bisher."Es ist gut, dass wir das vorgestellte Konzept jetzt weiter ausarbeiten können. Ich bin davon überzeugt, dass der eingeschlagene Weg richtig ist, denn von einem gut strukturierten Notdienst, der eine Versorgung auf hohem Niveau und angemessene Umsätze ermöglicht, profitieren Ärzte und Patienten gleichermaßen", resümierte Potthoff.
Die Umsetzung wird bis zu vier Jahre dauern. Wenn alle inhaltlichen Arbeiten abgeschlossen sind, soll das neue Konzept zunächst in einem der neuen Notdienstbezirke getestet werden. Und erst wenn der Test erfolgreich gelaufen ist, wird die neue Struktur flächendeckend umgesetzt.
Frank Naundorf
(Foto: VRD - Fotolia.com)
Fragen und Antworten zum Notdienst-Konzept
Ist die Trennung von Sitz- und Fahrdienst nötig?
Ja, denn damit lässt sich eine höhere Effizienz bei der Vergabe von Fahrzielen erreichen. Die zum Sitzdienst in den Notdienstpraxen eingeteilten Ärzte sind zu den gesamten Öffnungszeiten anwesend. Beides ist Voraussetzung für die Sicherstellung der ambulanten Versorgung – und für eine geringere Einteilungshäufigkeit.
Wird auch der fachärztliche Sitzdienst von einer Notdienstpraxis aus geleistet?
Ja, auch die fachärztlichen Sitzdienste werden von Notdienstpraxen aus durchgeführt. Dadurch gibt es einheitliche Anlaufstellen für Patienten. Durch die Konzentration der Notfälle auf gut positionierte Stellen kann der Notdienst auch wirtschaftlicher organisiert werden.
Werden die Dienstpläne zentral geplant?
Zunächst gibt es ein zentrales Programm, das die Dienste gleichmäßig verteilt. (Dieses Programm ist bereits in sechs KV-Bereichen erfolgreich im Einsatz.) Anschließend können wie bisher Ärzte oder lokale Gremien den Plan verändern. Erst danach geht dem Arzt der Dienstplan als Bescheid zu.
Werden die Öffnungszeiten vereinheitlicht?
Ja, in ganz Nordrhein soll es einheitliche Öffnungszeiten der Notdienstpraxen beziehungsweise Bereitschaftsdienstzeiten geben. Die Zeiten wird der Notdienstausschuss festlegen.
Wird im Fahrdienst der gesamte, künftig viel größere Bezirk befahren?
Nein, es wird ein grobes Raster innerhalb jedes Notdienstbezirkes geben. Die Ziele vergibt die Duisburger Zentrale auch in Abhängigkeit des Standorts. Die Wagen werden sich nur in einem Teilbereich des Bezirks bewegen.
Bleiben alle derzeitigen Notdienstpraxen erhalten?
Die Zahl der Notdienstpraxen wird wahrscheinlich in etwa bleiben. Aber die Verteilung muss verändert werden, um den Versorgungsbedürfnissen der Bevölkerung, den wirtschaftlichen Notwendigkeiten und der Belastung für die eingeteilten Ärzte gerecht zu werden. Dies hat voraussichtlich zur Folge, dass an einigen Orten Notdienstpraxen geschlossen oder zusammengelegt werden und anderenorts neue Notdienstpraxen entstehen.

