Erfolgreiches Palliativnetz in Dormagen: Nur noch jeder Zehnte stirbt im Krankenhaus
03.09.2010 KVNO aktuellFür Sie interessant ...
Mittendrin: Im Leben – mit diesem Motto wirbt die Stadt Dormagen für sich. Verdient gemacht hat sie sich aber auch um das Sterben. Genauer gesagt: um das Sterben in Würde. Mit Erfolg.
Schon seit zwei Jahrzehnten kooperieren Ärzte, Hospize und Pflegedienste in Dormagen, um schwerst kranke und sterbende Menschen so gut wie möglich zu versorgen. Ohne feste Struktur, ohne klare Ziele, ohne Qualitätsmanagement. „Trotzdem haben wir in unseren Mikronetzwerken über die Jahre gute Arbeit geleistet“, sagt Dr. Udo Kratel, Internist und Palliativmediziner. Es geht aber noch besser. Doch dafür braucht man ein Netz.
Und einen Impuls. Der kam im Jahr 2005. Die Landesregierung legte ein Programm „zur flächendeckenden Umsetzung der ambulanten palliativmedizinischen und palliativpflegerischen Versorgung“ vor. Dieses Programm überführte die KV Nordrhein in palliativmedizinische Versorgungsverträge, die fast alle Krankenkassen im Rheinland unterzeichneten. Es konnte losgehen.
Überall in Nordrhein kam die Palliativversorgung in Bewegung; inzwischen gibt es 33 Netze. Die gute ambulante Versorgung der Sterbenden funktioniert flächendeckend.
Viel Arbeit für den Aufbau
Im Aufbau dieser Versorgungsstruktur steckt vor allem viel Arbeit. In Dormagen dauerte es drei Jahre, dann funktionierte es. „Dabei hatten wir mit dem Praxisnetz einen taktischen Vorteil“, sagt Kratel. Bereits im Jahr 2006 erwarb er die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin – als Teilnehmer in der ersten Prüfungsgruppe. Ein Sondervertrag mit den Betriebskrankenkassen schob die Entwicklung in der Stadt mit großen Chemiewerken an. Zentrale Koordination, Hotline oder 24-Stunden-Bereitschaft – der Vertrag aus dem Jahr 2008 ist ein Vorgriff auf die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV).
Teamwork auf Augenhöhe
Im Ambulanten Palliativzentrum Dormagen (APZ) arbeiten Ärzte, Hospizkoordinatorinnen und Pflegekräfte „auf Augenhöhe“ zusammen. Es werde nicht mehr „angeordnet oder verordnet“, sondern aus unterschiedlichen Perspektiven über Palliativprobleme und -patienten diskutiert. Und voneinander gelernt. Zum Beispiel bei den Qualitätszirkeln, an denen alle teilnehmen, die die Palliativpatienten versorgen. Neben den Ärzten also auch Pfleger, Ehrenamtliche oder ein spezialisierter Apotheker. „Wir treffen uns einmal im Quartal in den Räumen des Kreiskrankenhauses“, berichtet der 52-jährige Palliativmediziner.
Die Fäden der lokalen Hospiz- und Palliativversorgung laufen im Ambulanten Palliativzentrum Dormagen, kurz APZ, zusammen. Hier sitzt Koordinatorin Anita Kramer. Die 38-jährige Krankenschwester mit Zusatzqualifikation stimmt mit den Krankenkassen zum Beispiel ab, welche Betten, Toiletten und Stühle die Palliativpatienten brauchen, stellt Kontakte zu Pflegediensten her, wirkt beim Erstellen der Dienstpläne der fünf qualifizierten Palliativärzte mit oder agiert als Ansprechpartnerin für Patienten oder Angehörige.
Angehörige tragen Versorgung mit
Was kann ich tun, wenn der Sterbende nicht mehr trinkt? Wie pflege ich den Mund? Das sind typische Fragen der Angehörigen. Doch nicht nur konkrete Behandlungs- und Pflegetipps sind nötig. Für die Versorgung wichtig ist auch der Kontakt zu den Angehörigen. Auf ihren Schultern lastet ein großer Druck. „Wenn die in die Knie gehen, dann bricht die Betreuung zusammen“, formuliert Kramer drastisch. Deswegen sei es wichtig, Entlastung zu organisieren, damit die Angehörigen – meist selbst betagte Menschen – zum Beispiel zum Arzt gehen könnten.
Ihr Büro hat Kramer im Seniorenheim der Markuskirche. Hier treffen sich einmal monatlich auch die fünf qualifizierten Palliativärzte (QPA) zur Besprechung. Und hier liegen in einer zentralen Datei für alle an der Behandlung Beteiligten wichtige Daten (Hope-Standard) jederzeit griffbereit. Auf fünf bis sechs Einsätze pro Woche kommt jeder der QPA in Dormagen – immer zusammen mit dem betreuenden Hausarzt.
24 Stunden am Tag erreichbar
Die Ärzte des APZ stehen im Ernstfall 24 Stunden am Tag bereit, um Palliativpatienten zu versorgen. Eng arbeiten sie auch mit den Pflegerinnen und Pflegern aus den spezialisierten Diensten zusammen. „Die Zusammenarbeit klappt reibungslos“, berichtet Kramer.
Gut sehen die Dormagener auch die Vernetzung mit dem stationären Sektor gelungen. Was auch daran liegt, dass mit dem Kreiskrankenhaus nur eine Klinik vor Ort ist. Und in der arbeitet mit Dr. Ulrich Hauffe einer der fünf qualifizierten Palliativmediziner aus dem APZ. „Das sichert fließende Übergänge“, so Kratel.
Auch bei schwierigen Fällen muss das APZ nicht kapitulieren. „De facto leisten wir hier die sogenannte spezialisierte ambulante Palliativversorgung“, ist sich der Vorstand des ambulanten Hospiz sicher.
Die Dormagener Ärzte haben aus eigener Kraft ein vollständiges Versorgungsangebot geschaffen. Und zwar ein sehr erfolgreiches: Die Zahl der Klinikeinweisungen von Schwerstkranken und Sterbenden sank in den vergangenen Jahren kontinuierlich. „Inzwischen stirbt nur noch jeder zehnte Patient im Krankenhaus“, sagt Kratel. Anders herum: In Dormagen erfüllt sich für fast alle Patienten mit infauster Diagnose ein großer Wunsch: in Würde zu Hause sterben zu können.
Das Palliativnetz in Dormagen
Mai 2007: In Dormagen schließen sich 17 Ärztinnen und Ärzte aus dem Praxisnetz Dormagen zusammen. Sie wollen die Behandlung der Sterbenden verbessern. Heute sind es bereits 44 Ärzte, darunter auch fünf qualifizierte Palliativärzte (QPA). Sie unterstützen Haus- und Fachärzte in der Palliativbetreuung.
Das Ambulante Palliativzentrum (APZ) kooperiert mit drei ambulanten Palliativ-Pflegediensten, der Hospizbewegung mit 39 ehrenamtlichen Mitarbeitern, dem Kreiskrankenhaus, einer spezialisierten Apotheke und einer psychologischen Psychotherapeutin.



